19. Oktober 2017
Treuherzige Ausbeutung

Ein Fund aus den Ablagen: Die FAS vom 7. Dezember 2014 berichtete von eine Studie, die zu dem Ergebnis gekommen sei, dass ein Drittel der Lehre an Univesitäten unbezahlt sei. Gegen Schluss des Berichts wird schließlich von den Lehrenden gesprochen, die ihre Arbeit unentgeldlich zur Verfügung stellen: Promovierende, Beschäftigte in Drittmittelprojekten und dann noch Externe, die als Lehrbeauftragte oder Privatdozenten Lehre anbieten. In der Regel unbezahlt.

Bemerkenswert findet auch der Verfasser des Berichts, Christian Füller, dass diese Gruppe von Lehrenden, das, was sie da tut, auch noch gern und selbstverständlich tut. Von den Externen heißt es sogar, dass sie "begierig" darauf seien, die "Studierenden an ihren Erkenntnissen teilhaben zu lassen". Ob "sie extra dafür auch noch Geld bekommen, ist ihnen nicht so wichtig."

Nun ist es tatsächlich so, dass Universitäten und Hochschullehrer gern Privatdozenten, Nachwuchswissenschaftler oder Externe als Lehrbeauftragte ohne Vergütung einsetzen. Die Lehre, die abgeleistet wird, angemessen zu bezahlen, sind die Hochschulen und Fakultäten durchgängig nicht in der Lage. Und da sich die Leute nun mal anbieteb - warum nicht?

Dass dieses Verhalten von Universitäten schlicht unverschämt ist und gegen eine der elementaren Regeln der Arbeitswelt verstößt, ist offensichtlich. Eine Leistung sollte vergütet werden, und zwar angemessen. Es gibt sogar Hochschulen, die eine Vergütung vorsehen, aber deren Höhe den Fachbereichen überlassen --- die dann aber festlegen, dass es keine Vergütung gibt, vor allem nicht für die sogenannte Titellehre von Privatdozenten.

Der Umstand, dass sich die Lehrbeauftragten und Privatdozenten sogar anbieten, widerspricht dem nicht, dass es sich um eine grundunanständige Praxis handelt, sondern macht - ganz im Gegenteil - klar, dass hier die Lage der Betroffenen - ja, schamlos - ausgenutzt wird. Doktoranden wollen Zeitverträge, Zeitvertragswissenschaftler wollen feste Stellen, Promovierte wollen sich habilitieren, Habilitierte wollen Professuren. Und all das verdient man sich mit Wohlverhalten. Selbst die Externen spekulieren nicht zuletzt auf irgendeine Form der Entlohnung, und sei es, dass sie symbolischer Natur ist.

All das wird den meisten jedoch vorenthalten. Aber bei einigen hat es immerhin geklappt, ist das Kalkül, das alle bei der Stande hält. So gesehen, wundert einen das Verhalten der Lehrbauftragten und Privatdozenten nicht. Dass die Universitäten das jedoch - seit jeher - ausnutzen, sollte auch den Autoren der Studie aufgefallen sein. Aber vielleicht ist genau das auch ihr blinder Fleck, denn auch bei ihnen wird es sich um Wissenschaftler auf Drittmittelstellen und mit Zeitverträgen handelt.
5. Oktober 2017
Dichter mit Strohhut im Cafe


Martin Bechler ("Fortuna Ehrenfeld") teilt im Interview mit dem Rolling Stone (Oktober 2017) seine Ziele als Musiker mit: "Bechlers Ziele sind erst mal: Album rausbringen, auf Tournee gehen, seine Leute anständig bezahlen. 'Es muss natürlich wirtschaftlich sein. Sonst ist es Hobby - dann kann ich mir einen Strohhut aufsetzen, mich ins Café hocken und sagen: Ich bin Dichter. Ist auch okay, habe ich aber keinen Bock drauf.'" Schlecht für den Dichter.
29. September 2017
Lückenfüller 2

Es ist eine anscheinend immer wieder nachwachsende Sitte, in Dissertationen die Vernachlässigung der eigenen, selbstverständlich höchst relevanten Fragestellung zu beklagen, ein Versagen der Forschung zu attestieren und ein eklatantes Forschungsdesiderat auszurufen. Im Gegenzug  wird naheliegenderweise die Aufarbeitung aller terminologischen und sachlichen Defizite angeboten, gern auch verbunden mit einem – kaum abzulehnenden – Vorschlag zur begrifflichen Neufassung.

Die Gründe für ein solches Verfahren sind relativ leicht nachzuvollziehen: Die Promotionsordnungen verlangen in der Regel einen nachvollziehbaren Forschungsfortschritt, die Promovenden wollen sich mit ihrer Arbeit, auf die sie unerhört viel Zeit, intensive Studien und weit ausholende Überlegungen investiert haben, einen guten Ausgangspunkt für ihre weitere wissenschaftliche Karriere schaffen.

Der im Standarddesign von Abhandlungen immer wieder geforderte Forschungsbericht fördert solche Eigentümlichkeiten, weil – unausgesprochen – an dessen Ende immer das Desiderat stehen muss, dessen sich der Autor der Studie – man ist versucht zu schreiben: selbstlos – im Folgenden annehmen wird.

Nun ist es keine Frage, dass es in der Forschung jedes Faches Lücken gibt, die mit Fug und Recht zu schließen sind, und es wäre ignorant zu leugnen, dass diese Lücken nicht ursächlich mit den Methoden, allerdings auch Moden eines Faches zusammenhängen. Man möge sich nur die Abfolge von Hermeneutik, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Sozialgeschichtsschreibung, Ideologiekritik, Ästhetik und diversen „turns“ vor Augen halten.

Dennoch, etwas weniger „Desiderat“, dafür etwas mehr Bescheidenheit täten aber den Dissertationen und ihren Autoren ebenso gut wie deren Lesern. Oder auch die Einsicht, dass in einer diskursiven Wissenschaft, wie es die Literaturwissenschaften sind, weniger Desiderate denn neue Durchsichten abweichende Ergebnisse, soll heißen Perspektiven ergeben.
12. September 2017
Bären


im übrigen, in der Geschichte um das Kind, das sich von Bären fressen lässt, gings nicht um Bären.
8. September 2017
Fantasielosigkeit

Die englische Jugendbuchautorin Meg Rosoff hat in einer Rede, die am 7. September 2017 in der FAZ abgedruckt wurde, dafür plädiert, dass die britischen Behörden nicht einseitig naturwissenschaftliche oder betriebswirtschaftliche Fächer bewerben. Deren Relevanz zu betonen, beruhe auf einem tiefgreifenden Irrtum unter anderem darüber, woher auch in solchen Fächern Innovation und Kreativität stamme.

Stattdessen solle man sich mehr vor Augen halten, dass die Welt im  weitesten Sinne auf Geschichten beruhe und dass der, der sich mit solchen Geschichten beschäftige, mehr von Welt erfahre als der, der sich dem verweigere.

Sie bezieht sich dabei auf die Warnung Richard Dawkins', der gemeint habe, dass die meisten Märchen einer genaueren Untersuchung nicht stand halten würden. Was - bei näherer Betrachtung - ein sinnloser Satz ist. Es kann natürlich sein, dass er falsch übersetzt worden ist und gemeint ist, dass Märchen bei genauerer Betrachtung keine vernünftigen Botschaften oder Lehren beinhalten. Oder so etwas ähnliches.

Wenn das aber so gemeint ist, dann muss man Dawkins leider attestieren, dass er keine Ahnung von Märchen hat. Dass deren Anwendbarkeit in einer komplexen Gesellchaft wie der heutigen sich möglicherweise geschmälert hat, bleibt davon unbeeinflusst. In der Gesellschaft, in der sie entstanden sind, haben sie hingegen einen großen Anwendungscharakter, auch wenn man gelegentlich zweimal hinschaun muss, um ihn zu sehen.

Nun muss man sich allerdings auch fragen, wieso nun gerade Märchen für das Thema Kreativität herhalten müssen, da nun gerade sie sich ja keineswegs einem spielerischen Umgang mit Welt resp. Fiktion verdanken. Sie sind metaphorische Erzählungen. Das, was wir heute unter angewandter Kreativität verstehen, hat sich davon allerdings mittlerweile weit entfernt. Um nicht zu sagen, dass alle Genres von der Art "Harry Potter" bloß den Bodensatz von Kreativität anzeigen, während deren Hauptspiel auf einer ganz anderen Ebene stattfindet.

Aber damit sei Frau Rosoff keineswegs widersprochen: Storytelling und die Lektüre von Geschichten gehören zu den wichtigsten Verfahren, Welt zu verstehen, die wir heute haben. Und das nicht nur seit dem "narrative turn". Das wusste etwa schon ein Dieter Wellershoff um 1970.

Im übrigen setzt Frau Rosoff zur Sicherung ihrer These ein abgesunkenes Märchen von einem Mädchen ein, das sich in ein Haus verirrt, das Bären gehört, vom Brei der Bären nascht, in einem ihrer Bettchen schläft und schließlich von ihnren gefressen wird. Naheliegend ist das Haus nur ein Loch, der Brei sind verwesende Hasenreste und das Bett ein von Bärenkot stinkender Blätter- und Reisighaufen. Kein Wunder, dass das Kind gefressen wird, auch wenn es Goldlöckchen heißt. Aber ganz im Ernst, so, wie Frau Rosoff diese Geschichte erzählt, gefällt sie mir besser als in der angeblich kreativen Variante. Vor Bären und Märchenerzählern soll also gewarnt sein. Gerade wenn sie vor Märchen warnen.

3. Juli 2017
Glaubensbrüder


In der FAZ vom 21.6.2017 plädiert der Philosoph Thomas Grundmann (Universität zu Köln) für die Restituierung der Autorität von Fachleuten. Anlass ist für ihn der massive Vertrauensverlust von Wissenschaft im Kontext des Aufstiegs populistischer Parteien und Bewegungen. Ein amerikanischer Präsident, der den Klimawandel leugnet? Was anderen Wissenschaftsskeptikern neuen Auftrieb gegeben hat.

Aber auch in anderen Bereichen sieht Grundmann einen massiven Bodenverlust von Wissenschaft. Den Grund dafür sieht er in einem konzeptionellen Widerspruch zwischen Wissenschaft und Politik. Wissenschaft sei der demokratischen Kontrolle entzogen. Würde man die Spielregeln der Demokratie auf die Wissenschaft übertragen, würden nämlich "Wissensautoritäten generell untergraben" - man höre und staune. Ein "verantwortliches Denken" jedoch müsse "echte Autoritäten und erkenntnistheoretische Asymmetrien anerkennen, sonst" verspiele es "im Namen kritischer Vernunft seine eigene Urteilsfähigkeit".

Sind diese Thesen schon abenteuerlich, wird Grundmann absurd bei den didaktischen Konsequenzen, die er aus ihnen zieht.

1. So schreibt er eine Absage an die "populistische" Forderung nach Allgemeinverständlichkeit. 2. Man möge doch bitte an den Schulen nicht mehr das "Idealbild eines unbegrenzten kritischen Selbstdenkens" zeichnen. Bildung solle 3. wieder das "Vertrauen in zuverlässige Autoritäten und in für Kritik offene Expertensysteme" stärken. 4. Die Politik solle der Wissenschaft keine "demokratisch legitimierten Zielvorgaben" machen und 5. solle man darüber nachdenken ob es nicht "instituionell verankerte Mitwirkungsrechte von Experten in allen politischen Gremien" geben müsse.

Man kann schon froh sein, dass Grundmann nicht von Mitbestimmungs- oder gar Vetorechten spricht, was einer "zuverlässigen Autorität" ja eigentlich zustände.

Dass Wissenschaft in großem Maße unzuverlässig und diskursiv ist, scheint Grundmann fremd zu sein (und das einem Philosophen), vielleicht aber auch nur lästig und unangenehm, wie meinem Hausarzt, der auch bedauert, dass die Medizin keine Wissenschaft sei, weil sie eben nicht präzise genug ist. Das Abenteuerliche an grundmanns Überlegungen ist, dass er eine - wie er mit einem Blick auf Wissenschaftstheorie leicht nachvollziehen könnte - iterative und interpretationsbedürftige zugangsweise zu Realität, deren Auswirkungen auf Gesellschaft unerhört groß geworden ist, der Kritik und der Entscheidung der Nicht-Fachleute entziehen will.

Kind also raus aus dem Bad: Niemand wird in Zeichen von "Fake-News" an der Dringlichkeit zweifeln, dass Gesellschaft Konsens über Verfahren, Methoden und Zugangsweisen zu dem, was man Fakten nennt, sprechen muss. Aber es wäre angesichts eines seriösen Zugriffs, wie ihn etwa der radikale Konstruktivismus auf "Realität" bietet, auch unsinnig so zu tun, als ob das Gegenteil zu einer ungesicherten Wahrheit deren Behauptung wäre, die qua Autorität gesichert wird.

Es wäre auch fatal, statt eines unendlichen und riskanten diskursiven Prozesses neue Autoritäten zu etablieren. Fatal für eine offene wie eine demokratisch legitimierte Gesellschaft. Sie lieferte sich damit einer unkontrollierten und unzugänglichen Autorität aus, die Zuverlässigkeit behaupten muss, aber kaum belastbar sichern und bestätigen kann.

Im übrigen hat Armin Nassehi, "nur" ein Soziologe (Universität München), in einem Beitrag in der FAZ vom 28.6.2017 dagegen gehalten und dafür plädiert, von der Wissenschaft zu lernen, dass es "stets unterschiedliche Versionen" einer Sache etwa gibt. Dem gibt es viel hinzuzufügen, was diese These bestätigt.
27. Juni 2017
Vergiftetes Lob?

In der FAZ vom 26.6. hat Christian Geyer Peter Sloterdijk einen Glückwunsch zum Siebzigsten geschrieben, der es in sich hat. Mit anderen Worten, man weiß nicht so recht, wie man das Stückchen Journalismus lesen soll: als illuminiertes Textständchen oder als bitterböse Satire.

Das beginnt bereits mit dem Auftakt, in dem auf Sloterdijks Laudatio auf Helmut Kohl als "Vorsprung durch Geistesgegenwart" hingewiesen wird. Wobei dies für einen Zeitgenossen des jüngst verstorbenen Altkanzlers eine erstaunliche Assoziation ist. Da dachte man doch eher an Erinnerungslücken oder an Lösungen durch Aussitzen.

Nun wird man Sloterdijk nicht vorwerfen können, wenn Geyer ihn mangelnder Systematik und Beständigkeit ("vorgefertigte Agenda"), dafür aber der Fähigkeit zeiht, "hellwach zufälligen Chancen" zu folgen, das "Okkasionelle" als "Selbstentzündung". Da hat man anderen geraten, sich doch endlich mal für irgendetwas zu entscheiden, und dann das.

Dass Sloterdijk sich von den "Fesseln wissenschaflticher Methodik" befreit habe, wird man neidlos zugestehen. Was freilich der Nachvollziehbarkeit von Argumentationen kaum zuträglich gewesen sein sollte. Wer braucht schon "strengen Belegzwang", "penible Kausalitäten" oder "Korrelationen scheidende Analyse", wo man sich doch "kühn" auf die "freie pholologische Assoziation" und "fruchtbare Analogiebildung" werfen kann. Immerhin kommt damit dem "Argument" eine - bitte Obacht - "höhere, von zufälligen Passungsverhältnissen bestimmte Mobilität" zu. Hoho. Um soweit zu kommen studiert man zuerst Kritische Theorie und dann indische Philosophie in einem Ashram. Im Vergleich dazu wirkt Hermann Hesse seriös.

Einmal soweit gekommen, kann Sloterdijk denn auch den Totschläger "bekanntlich" überall dann den Verhältnissen überziehen, wo es ihm passt. Der Geburtstagsschreiber meint dazu, das Sloterdijk damit seine Leser in Haft nehme, was ihnen wohl zurecht geschieht. Selber schuld. "Evidenz" wird auf diese Weise willfährig und willkürlich angewiesen. Aber dass Geyer Sloterdijk in Sachen Gott einen "schmissigen Befund" nachsagt, soll man Sloterdijk nicht vorwerfen. Nicht einmal, dass "Konflikte um Wahrheitsfragen" "obsolet" erscheinen. Ab in den "Sumpf der Diskurse" mit so etwas.

Wer sich von solcherart Schreibe unterhalten fühlt, wird das "graue Haus der Philosophie in feurige Farben" getaucht sehen. Egal was es war, das will ich haben. Andere werden sich vielleicht eher über Zeit und Geld ärgern oder sich schämen, wenn man sie mit dem neuesten Sloterdijk erwischt.

Bleibt festzuhalten: Es ist erstaunlich, wie weit Sloterdijk gekommen ist, und dass sogar ein Verlag wie Suhrkamp ihm die Treue hält. Jetzt hat er anscheinend sogar einen Roman veröffentlicht, der sicherlich  gelesen wird, von wem auch immer. Und 70 ist er sogar. Chapeau. Da hatten andere mehr Pech.
1. Juni 2017
Das ungerechte Rechtssystem

Das Rechtssystem steht im Ruf, auf Rechtsverstößte, vulgo Verbrechen, nicht angemessen zu reagieren, was es legitimiert, wenn die Betroffenen oder deren Angehörigen das Recht selbst in die Hand nehmen. Das mag stimmen oder nicht, ein Hinweis des Strafverteidigers Adam Ahmed weist jedoch darauf hin, dass das Rechtssystem weitaus stärker den Vergeltungsgedanken trägt, als ihm zugetraut wird.

In einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 21.5.2017 bemerkt er etwa, dass es äußerst unwahscheinlich sei, dass ein Täter bei einem Kapitalverbrechen  frei ausgehe, wenn er zu den Vorwürfen schweige. Viel wahrscheinlicher sei es, dass ein Unschuldiger verurteilt werde, was man an den Fällen sehe, in denen ein Beklagter mangels Beweisen freigesprochen werde, der Bundesgerichtshof das Urteil aber wegen der mangelhaften Formulierung des urteilenden Richter aufhebe und es dann zu einer Verurteilung komme. Wenn ein Richter ein Verfahren zulasse, dann gehe er auch davon aus, dass es zu einer Verurteilung kommen werde.

Nun ist es richtig, dass die Frage, ob es zu Verurteilungen komme, etwas anderes ist als die Frage, ob jemand überhaupt vor Gericht gestellt wird. Aber landet jemand erst einmal vor Gericht, dann wäre er damit bereits vorverurteilt. Das Recht ist damit auf andere Art ungerecht, als ihm nachgesagt wird.
21. April 2017
Martensteins Kurzschluss


In einem der letzten Zeitmagazine kam Harald Martenstein zu dem Schluss, dass er mit dem Wertverlust seines Angesparten, der auf die Geldpolitik der EZB zurückgeht, das schlechte Wirtschaften in Griechenland finanziere. Das mag nicht einmal falsch sein, allerdings fehlt in der Argumentation leider auch, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik auch das Wirtschaften von jedem fördert, der billiges Geld bekommt, etwa der Bundesrepublik, jedes Unternehmens oder jedes Hauskäufers in der Bundesrepublik. Ob einer der Genannten mit dem Geld gut oder schlecht wirtschaftet, ist aber erst einmal egal. Jeder von ihnen bekommt (potentiell) billiges Geld. Was vielleicht den Blick darauf richtet, dass zwar billiges Geld schlecht für Gespartes ist, aber gut fürs Arbeiten. Man könnte sich vielleicht doch erst einmal anschaun, ob dabei die Griechen so schlecht abschneiden? Und man sollte sich fragen, ob der Wertverlust des Geldes alle positiven Effekte der Geldpolitik schlägt. Ich glaube nicht.
18. April 2017
"Die" wissenschaftliche Methode


In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. April 2017 findet sich ein Interview mit dem "Evolutionsbiologen Michael Jennions", der anscheinend derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin ist. Er forscht, wie dem Kastentext zu entnehmen ist, unter anderem zum Zahlenverhältnis der Geschlechter.

In diesem Interview betont Jennions zwar, dass die Ergebnisse biologischer Forschung zum Verhältnis der Geschlechter zueinander nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können. dennoch findet sich das Beispiel der Winkerkrabben, deren Männchen anscheinend mit ihren Scheren winken, um auf Weibchen attraktiv zu wirken. Größere Scheren und den anderen etwas voraus scheint besonders sexy zu sein. Das Pendant beim Menschen: die Größe des Penis und die Figur des Mannes. Einem Versuch zufolge, den Jennions mit Penisschablonen durchgeführt hat, spiele die Größe  tatsächlich "eine Rolle". Anzunehmen bei der Attraktivität. Außerdem fänden Frauen Männer mit einer "V-Figur attraktiv".

Das alles, nachdem zuvor heftig auf populäre Magazine geschmipft worden ist, die Schindluder mit Halbwahrheiten trieben.

Leider findet sich kein Hinweis darauf, inwiefern die Tests daraufhin geprüft worden sind, ob etwa die Testsituation selbst oder kulturelle Codes Einfluss auf deren Ergebnisse gehabt haben. Oder ob etwa die gestellte Frage (wie auch immer sie gestellt wurde) das Ergebnis präfiguriert hat.

Man möge analog Männern in Westeuropa die Frage stellen, ob sie vollbusige blonde Frauen attraktiver finden als schmalbusige brünette. Das Ergebnis - frei nach Schopenhauer - wird wohl ein mehrheitliches "Ja" zu blond sein. Ob sich dieses Ergebnis bei der Wahl der Partner wiederfindet, bleibt unbeantwortet, wohl auch ungefragt. Dies allerdings, ohne den Versuchsaufbau im Detail zu kennen. Aber immerhin prescht ja Jennions mit solchen Ergebnissen nach vorn.

Das Ganze dann auch noch mit dem Satz zu verkaufen, dass "die wissenschaftliche Methode" darin bestehe, "die Welt auf Basis gesammelter Informationen und Daten zu begreifen", zeugt von der ungeheuren Reflexionsbereitschaft des Evolutionsbiologen Jennions. Entweder lässt er angesichts des Zeitungsinterviews alle reflexionsbedingten Hemmnisse fahren oder er hatte nie welche.

Es gibt nicht "die" wissenschaftliche Methode, und die Reflexion eines Versuchsaufbaus ist nicht minder relevant wie die Reflexion der eigenen Position. Kein Wunder, dass Judith Butler keinen guten Eindruck von der Biologie und Medizin hat. Kann man auch nicht, nach solch einem Interview.
22. März 2017
Lückenfüller


Ein trostloser Effekt der Antragsprosa und Begründungsnotstände in der Wissenschaft ist die Rede vom Forschungsdesiderat. Da es ohne weiteres nachvollziehbar ist, dass niemand Geld, auch Fördergelder, ausgeben will, wenn es denn nicht notwendig ist, wird die Forschungslücke von Geldgebern gern gesehen und von Geldbeziehern zwingend angegeben. Das führt allerdings dazu, dass die Lücke immer dort vorhanden ist, wo es ein Projekt gibt. So wie in der Ökonomie jeder irgendwie und in irgendeinem Bereich Weltmarktführer ist - er muss nur speziell und klein genug sein - so lassen sich überall Forschungslücken finden, die dringend im Namen des Wissens der Menschheit geschlossen werden müssen.

Im Vergleich dazu ist die persönliche Neugierde, das persönliche Interesse von deutlich geringerem Rang. Was jemanden interessiert, muss deshalb noch lange nicht notwendig und damit förderwürdig werden.

Einer freien Wissenschaft würde es im Unterschied dazu gut tun, wenn sie ihre Gegenstände nach Interesse und Neugierde wählte und nicht nach Förderwürdigkeit. Und wenn das nicht zu erreichen ist, dann sollte in der Publikation selber die desiderative Rede einfach fallen gelassen werden. Wir müssen ein Buch nur lesen oder vielleicht nutzen, nicht fördern.
11. Januar 2017
Kurz oder lang?


Im postfaktischen Zeitalter sind hinreichend ausgearbeitete Reflexionen der Begründung umfangreicher Parallelwelten kaum förderlich. Weshalb ihr Aufmerksamkeitswert gegen Null geht. Eine Behauptung kann sich kurz fassen (eine Lüge auch, gerade sie sollte nicht schwatzhaft sein, damit man ihrer nicht habhaft werden kann und sie sich nicht selbst entdeckt). Eine Überlegung kann das nicht. Es hat sich also viel geändert, dass eine Beschreibung der Welt in vier Sätzen eine größere Attraktivität haben sollte als dreißig Seiten Essay.

Es ist unzweifelhaft, dass das Denken, soweit es sich Mühe gibt, den größeren Text braucht, und dass komplexe Verhältnisse eine adäquate Form brauchen, wenn man über sie nachdenkt, und die sollte mehr als 140 Zeichen umfassen dürfen. Nicht dass sich daraus zweifelsfrei ergeben würde, dass das jeweilige Ergebnis gelungen sein und auch gelesen werden muss. Mehr noch, dass es einen Ort gibt, der das auch noch gedruckt zur Verfügung stellt. Auch garantiert Schwatzhaftigkeit nicht Belastbarkeit. Der Umkehrschkuss ist also nicht zulässig. Aber dem intellektuellen Leben scheinen die Gelegenheiten doch nicht auszugehen. Dafür ist zu schreiben und zu denken.
5. Januar 2017
Krimhitliste persönlich - samt Besprechungen


Ins Herz der Finsternis. Heinz Strunk reist mit „Der goldene Handschuh“ in die Welt eines Hamburger Serienmörders. Eine Gegend, in die man nicht will. Rezension zu: Heinz Strunk: der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2016. In: fixpoetry.com 3/2016

Paradigmen: Christoph Peters hat einen ungemein stringent konstruierten und durchdachten Krimi geschrieben. Chapeau. Rezension zu: Christoph Peters: Der Arm des Kraken. Roman. Luchterhand, München 2015. In: literaturkritik.de 2/2016

Ganz unten. Daniel Woodrell hat mit „Tomatenrot“ eine Studie darüber geschrieben, warum die, die unten sind, unten bleiben. Rezension zu: Daniel Woodrell: Tomatenrot. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Liebeskind, München 2016 In: literaturkritik.de 3/2016

Am Abgrund. James Ellroy zeichnet in „Perfidia“ ein ernüchterndes Bild von der Polizeiwelt der USA: eine Macht- und Geldgeile Gesellschaft, für die Mord nur die Demonstration ihrer Willkürherrschaft ist. Rezension zu: James Ellroy: Perfidia. Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree. Ullstein, Berlin 2015. In: literaturkritik.de 2/2016

Supergirl vs. Bushido. Andreas Pflüger packt in „Endgültig“ alles, was in einen phantastischen Thriller gehört. Rezension zu: Andreas Pflüger: Endgültig. Thriller. Suhrkamp, Berlin 2016. In: literaturkritik.de 6/2016

Schlamassel. James Lee Burke über ein ziemliches Durcheinander und einige scheußliche Wiedergänger, mit einem Wort: „Mississippi Jam“. Rezension zu: James Lee Burke: Mississippi Jam. Ein Dave-Robicheaux-Krmi. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger Pendragon, Bielefeld 2016. In: literaturkritik.de 8/2016

Mord und Profit. Dominique Manottis fulminante Studie über die Revolution des Ölhandels zu Beginn der 1970er Jahre und die Anfänge des Kunsthandels: „Schwarzes Gold“. Rezension: Dominique Manotti: Schwarzes Gold. Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne/Argument, Hamburg 2016 In: literaturkritik.de 9/2016

Drunken Sailor. Ein bedrückend beeindruckender kleiner Roman um einen Trinker mit gespaltenem Haupt: Ottessa Mashfeghs „McGlue“. Rezension zu: Ottessa Mosfegh: McGlue. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Liebeskind, München 2016. In: fixpoerty 1/2017
13. Dezember 2016
Simulation


Auch in den avancierten literarischen Genres finden sich Konventionen und Muster, die es eben auch einfacher machen nachzuvollziehen, was hier und wie geschieht. Das dient der Orientierung, gegen die nichts gesagt sein soll, aber auch der Simulation: Böse gesagt: Ein Pianist, der das Haupt dramatisch im Takt wirft, während er heftig in die Tasten greift, zeigt an, dass er ernsthafte Kunst macht. Ein Autor, der Textteile montiert, die nicht zusammenzugehören scheinen, gibt zu verstehen, dass er zur Avantgarde der Avantgarde gehört. Ein Rockmusiker, der ein lottherhaftes Leben führt (was immer das dann auch ist) und eine zerrüttete Gesundheit sein eigen zählt, tut das Richtige. Unerhört! Aber auch nicht zu vermeiden.  
24. November 2016
Männlicher Ekel - männlicher Humor


Michel Houellebecqs Dankesrede für die Verleigung des Frank-Schirrmacher-Preises wurde, wie nicht anders zu erwarten, in der Frankfurter Allgemeinen (27.9.2016) veröffentlicht. Die Rede, die am Tag danach in der FAZ als die eines Schriftstellers und nicht die eines Intellektuellen klassifiziert wurde - als ob man einem Schriftsteller jeden Unsinn nachsehen könne, einem Intellektuellen aber immerhin hinreichende Redlichkeit unterstellen müsse -, ist unerhört amüsant zu lesen.

Dass sich Houellebecq zuerst als Verfolgter stilisiert, mag man hinnehmen - allerdings wird er dabei etwas langatmig. Dass er sich in seiner Verdammung der Massengesellschaft nun gerade auf Tocqueville beruft, ist aber interessant. Wenn man sich darin gefällt, die chaotisch gewalttätigen Phasen der Französischen Revolution als "männlich" zu beschreiben, während die "westliche Welt" ermüdet, wehleidig und ängstlich sei, für den ist Tocqueville wohl die richtige Autorität. Allerdings bleibt festzuhalten, dass diese ermüdete, wehleidige, ängstliche westliche Welt seit dem frühen 19. Jahrhundert (also seit dem Diktum Tocquevilles) den Globus politisch recht heftig dominiert und sein Wirtschaftssystem massiv durchgesetzt hat.

Richtig lustig wird es, wenn er sich als Exempel für den Niedergang der freien Gesellschaft nun gerade die drohende Bestrafung des Freiers beim käuflichen Sex herauspickt. Houellebecqs Argumentationskette ist hierbei sehenswert: Bestrafung des Freiers gleich Abschaffung der Prostitution gleich Abschaffung des Korrekivs der Ehe gleich Abschaffung der Ehe gleich Selbstmord der europäischen Gesellschaften. Wenn dem so ist, dann solls dann so sein. Aber immerhin muss man auf soi etwas erst einmal kommen.

Und wenn das dann alles "männlich" ist, dann ist es keine schlechte Idee, wenn dieses müde, wehleidige, ängstliche westliche System dann auch die Männlichkeit schnell abschafft, zumindest solche Männlichkeit. Dass das so schnell nicht geschehen wird, ist leider die ziemlich unamüsante Seite des Ganzen.
20. November 2016
Leitkultur? Gemeinsame Kultur?

Das Thema Leitkultur, also eine Kultur, die für die Bundesrepublik prägend und hinreichend verbindlich ist, wird ja bereits eine Weile durchs politische Dorf getrieben. Vor mehr als einem Jahr hat die FAZ dazu einen Text des Berliner Historikers Baberowski publiziert, in dem unter anderem von Überlieferungsgemeinschaft geschrieben wurde (der aber per se niemand angehört, siehe Note vom 30. September 2016: Einwanderung in der aufgeklärten Gesellschaft). Jens Jessen hat in einem Essay in der ZEIT vom 22. September 2016 mit Bezug auf das Parteiprogramm der AfD die Sprengkraft beschrieben, die einer Forderung nach einer verbindlichen Leitkultur innewohnt.

In der zitierten Passage des Parteiprogramms werde die Ideologie des Multikulturalismus verworfen, stattdessen eine verbindliche Leitkultur eingefordert, die "deutsche kulturelle Identität" müsse von Staat und Zivilgesellschaft "selbstbewusst verteidigt" werden. Das kann man sich ganz lustig vorstellen, aber damit ist es nicht getan, auch wenn sogar ein sehr selbstbewusster Staat wie der des Deutschen Reiches zwischen 1933 und 1945 an der Anforderung gescheitert ist, "die deutsche kulturelle Identität selbstbewusst zu verteidigen". Irgendwie schafft es dieses blöde Multikulti immer wieder, sich in den Ritzen der Leitkultur einzunisten und - bei entsprechenden Temperaturen- das Ganze auch noch aufzusprengen.

Jessen weist zurecht darauf hin, dass es so etwas wie eine kulurelle Identität nicht gibt. Sie ist bestenfalls als abstraktes Konstrukt denkbar und in jedem Fall das Produkt eines jahrzehnte- und jahrhundertelangen Integrationsprozesses von allen möglichen externen Einflüssen und Zuwanderungen und internen Ausdifferenzierungsprozessen. Da ist einem mit dem Habermasschen Modell des Verfassungspatriotismus besser gedient.

Die Auseinandersetzung mit der Leitkultur wird also in großem Maße darum gehen, die Zumutungen einer verordneten kulturellen Identität abzuweisen. Statt dessen gilt es ein kulturelles Modell zu verteidigen, in dem jeder nach seiner Facon glücklich werden kann, solange er nicht andere Zumutungen unterwirft, die nicht zulässig sind. Etwa die einer kulturellen Identität, die nicht geteilt wird.
15. November 2016
Auswendiglernen?


Die Autorin Olga Martynova hat in einem Artikel in der FAZ vom 8. November 2016 dafür plädiert, dass die Menschen mehr Gedichte auswendig lernen. Das helfe zwar bei den meisten Problemen nicht (Friede in der Welt, Krieg, Hassreden, Dummheit etc.), nicht einmal dabei, Gedichte besser zu verstehen (sie redet allerdings immer nur von "analysieren", womit Lehrer Schüler traktierten, meistens mit dem falschen Ergebnis), sondern einfach nur so, wegen der Sprache (weshalb?), wegen des Wortschatzes (wieso nun der gerade?), wegen der Forderung des Gedächtnisses (dessen Unterforderung katastrophale Konsequenzen habe) und überhaupt. Leute mit besserem Gedächtnis können zum Beispiel, schreibt sie, Formulare besser ausfüllen. Wenn Gedichte auswendig lernen diesen Effekt hat, dann wird man das wohl wieder einführen müssen. Nicht weil man sie besser verstehen will. Das geht ja anscheinend eh nicht. Wozu auch? Damit man jeden Unsinn erkennt, den jemand im Namen und auf Rechnugn der Lyrik niederschreibt?
5. Oktober 2016
Unpoetische Zeiten

Schlechte Zeit für Lyrik. Und welche absurde Debatten heute: In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Lettre“ findet sich ein Essay des 1996 verstorbenen griechischen Dichters Odysseas Elytis‘ über verschwundene Empfindsamkeit in der Gegenwart, die er mit einer Klage über die Zunahme von Bildung und Wissen verbindet. All das verschütte das Vermögen sich zu wundern und vor sprachlichen Bildern erstaunt stehen zu bleiben, gar von den Rätseln des Lebens zu verweilen. Brillenträger, die Anordnungen erlassen. Grobschlächtigkeit des Wissenserwerbs. Man muss sich schon wundern, wozu sich ein Dichter herablässt, damit klar wird, was er Besonderes ist.

Wohin uns das führt? Zurück ins Wunderland der Poesie? Wohl nicht. Stattdessen sind Essays wie der des griechischen Literaturnobelpreisträgers eher dem Eingeständnis geschuldet, dass die schöne Literatur, die Lyrik, die Poesie an Bedeutung immer mehr verliert - unaufhaltsam. Damit mag man sich in den kleinen Zirkeln, die dann noch übrig bleiben, wohlfühlen – immer den Rest der Welt gegen sich. Und als Mitglied einer verschwindenden Art mit besonders schönen Alleinstellungsmerkmalen versehen geht es sich wohl ganz besonders schön unter.

Aber die Ursache dafür liegt nicht bei der Bildung, bei den Brillenträgern, bei der Ökonomie, beim Kapitalismus und der Moderne, und auch nicht bei der Mehrheit, die sich einzurichten versucht, sondern bei den Repräsentanten der Poesie selbst. Weil sie die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft scheuen, in der sie leben, weil sie sich missachtet sehen, schließen sie sich aus und ein, in der Empfindsamkeit, im Sprachgefühl, in der Form.
17. August 2016
Bargeld


Die Abschaffung des Bargelds beschäftigt die politische Szene, während es im Finanz- und Wirtschaftssystem anscheinend als Ziel recht weit verbreitet gelten kann. Jüngst referierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (14.8.2016) zwei Argumente des "Starökonoms" Kenneth Rogoff: Die Abschaffung des Bargelds diene dazu, kriminelle Zahlungsströme abzuschneiden. Kein Drogendeal also mehr, kein Handel mehr auf welcher Straße oder welchem Park auch immer. Was wahrscheinlich mehr Befürworter als Gegner haben wird.

Das zweite Argument ist hingegen problematischer: Die Abschaffung des Bargelds dient dazu Negativzinsen zu ermöglichen, also Investitions- oder Konsumanreize auch in Niedrigzinsperioden geben zu können.

Zwar ist es eh strittig, ob die Niedrigzinspolitik überhaupt noch den Effekt hat, den sie haben soll, nämlich Investitionen anzuregen. Billiges Geld produziert, wie man derzeit im Immobilienmarkt sehen kann, höhere Preise. Aber noch hat diese Anreizpolitik mehr Befürworter als Gegner. Und als Unternehmer wird man sich den Niedrigzinsen nicht verwehren wollen.

Negativzinsen hätten jedoch weniger für Unternehmen denn für Privatleute verhängnisvolle Folgen. Nämlich etwa dann, wenn auch kleinere Vermögen betroffen wären, die etwa für das Eigenkapital angehäuft werden, mit dem die Finanzierung von Wohneigentum ermöglicht werden soll. Wenn in der Phase, in der das Kapital angesammelt werden soll, Niedrigzinsen es zugleich wieder mindern, werden solche Bemühungen konterkariert. Ähnlich sieht es aus, wenn Rücklagen, die als Ersatz für Rentenansprüche angelegt werden, von Niedrigzinsen wieder gemindert werden. Das Geld auszugeben, das ja gerade angesammelt worden ist, um als Rücklage oder Eigenkapital Sicherheiten zu schaffen, wird nicht möglich sein.

Auch wenn also die Abschaffung des Bargeldes in der Praxis gerade von denen vorangetrieben wird, die sich jetzt massiv dagegen wehren - immer weniger Zahlvorgänge werden bar abgewickelt, weil niemand mehr Bargeld in der Tasche haben will -, braucht es einen Deckel, der unangetastet bleiben muss. Und der liegt eben schnell bei sechsstelligen Beträgen - was dann Argument 1 gleich wieder aushebelt.

Es sieht also so aus, als ob man sich für das eine wie das andere andere Mittel ausdenken müsste, damit die Zwecke - Austrocknen der kriminellen Zahlungsflüsse und Konsum- wie Investitionsanreize -,  erreicht werden können. Zumindest wenn man das Klientel, das auf Rücklagen angewiesen ist, nicht mutwillig schädigen will.

Das aber hat nichts mit dem angeblichen Unwillen zu tun, der die Diskussion über die Abschaffung des Bargelds begleitet und der merkwürdiger Weise gern mit den kleinen Kindern argumentiert, denen man Bargeld in die Hand geben will. Es mag sein, dass es um die Abschaffung eines weiteren Konkretums geht, das durch etwas Abstraktes ersetzt wird, das man nicht mehr selbst kontrollieren kann. Aber spätestens in der Hyperinflation des Jahre 1921 bis 1923 sollte den Deutschen klar geworden sein, dass sie auf vieles Einfluss haben, aber eben nicht auf Geld, auch nicht auf Bargeld.

Hübsch ist auch, dass das Abstraktum Geld (das allgemeine Tauschmittel, das nie auf Gebrauchswert schaut, sondern nur auf den Tauschwert) auf einmal in seiner konkreten Variante verteidigt wird. Und in der Tat, wird das Bargeld abgeschafft, wird es nie jemanden mehr wie Heinrich Böll geben, der den Geruch des Preisgelds der Gruppe 47 so hoch lobte. Kreditkarten riechen nicht. Was aber auch Vorteile hat.
26. Mai 2016
Übers Essen räsonieren


Dass Websites weniger Beschränkungen haben, was die Zahl von Artikeln und ihren Umfang angeht, hat den großen Vorteil, dass hier etwas möglich ist, was in anderen Medien, die vom Platz her beschränkt sind, hinreichend verpönt ist: Der Rezensent kann Verrisse schreiben. Wo in den meisten Medien nur Empfehlungen möglich sind - was schlecht ist, wir deinfach nicht erwähnt -, lässt sich auf einer website ganz schön vom Leder ziehen, wenn es denn notwendig ist.

Ich habe das verschiedentlich gemacht – zumeist dann, wenn Texte schlecht konzipiert waren oder stilistisch unbeherrscht, immer dann wenn Autoren/innen sich im Glanze ihres Textes zu sonnen scheinen, ist ein solcher Verriss fällig. Danksagungen, die über viele Seiten gehen, oder Welterklärungen, die nur vermeintlich erzählt werden.

Dabei sind Verrisse nicht einfach, weil sie argumentativ viel aufwendiger sind als lobende Besprechungen. Ein Lob wird geglaubt, ein Verriss muss glaubwürdig gemacht werden. Und das macht Aufwand. Da reicht kein Spott, leider. Zumal abhanden gekommen ist, was für ein allgemein verbindliches Urteil notwendig wäre: ein fester Maßstab. So etwas fehlt generell in der Literaturkritik der Gegenwart.

Für ein relativ neues Genre wie den Krimi sind feste Maßstäbe vielleicht auch überhaupt nicht zu erwarten, kommt er doch als Massenphänomen in einer Zeit auf, in der feste Maßstäbe nur noch als Erinnerung bekannt sind und funktionslos geworden sind. Dass Literatur somit nur noch internen, jeweils selbst gesetzten Ansprüchen genügen muss, macht aber eine externe Kritik nicht überflüssig, ganz im Gegenteil, sie wird umso notwendiger. Denn ein Text muss mehr und mehr an seinen eigenen Ansprüchen gemessen werden, er muss außerdem funktionieren, also eine sehr fein austarierte Balance aufweisen, in der Thema, Plot, Ausführung und Stil aufeinander abgestimmt werden müssen.

Ein gut gemeintes Thema, ein intelligenter Plot kommen dann nicht zur Geltung, wenn sie schlecht umgesetzt sind, wenn der Stil hölzern ist, die Erzählung durch Sprachhülsen vorangetrieben werden soll und die Figuren einen Einheitsbrei sprechen, der nicht zu ihren Rollen passt. Ja, Krimis zu schreiben, ist ein Handwerk, das gepflegt werden muss und sollte. Thomas Wörtche hat wohl recht.
11. Mai 2016
Stopp!
Peter Graf Kielmanssegg plädiert dafür, den Wandel zu bremsen


Die FAZ ist, was das Führen von intellektuellen Diskussionen angeht, ein beeindruckendes Medium. Zwar finden sich auch hier Themen, die ihren kurzen Hype erleben und dann wieder in die wohlverdiente Vergessenheit geraten. Dennoch ist der lange Atem, den die FAZ immer wieder beweist, vorbildlich.

Zu diesen Diskussionen gehören die Beiträge zum Zuwanderungs- und Flüchtlingsproblem, das die politische Landschaft seit dem letzten Jahr nachhaltig verändert hat. Am 2. März 2016 antwortete in dieser Diskussion Peter Graf Kielmannsegg auf einen Beitrag des Münchener Soziologen Armin Nassehi, dem er therapeutischen Hochmut vorwarf. Indem Nassehi gefordert habe, die Ängste der Bürger ernst zu nehmen, habe er jene Kleinbürger, deren Angst nun durch die Medien getrieben werde und anscheinend auch der AfD erstaunliche Erfolge ermöglicht, der Fürsorge ausgesetzt. Das sei aber keineswegs konservativ, sondern kann, wie hinzuzufügen ist, wohl besser als paternalistisch bezeichnet werden.

Das dahingestellt schwenkt Kielmannsegg anschließend aber in ein merkwürdiges Fahrwasser. Man müsse nämlich, um der Krise Herr zu werden, "anthropologische Konstanten" ernst nehmen. Der Mensch brauche nämich das Eigene, um existieren zu können. In einer "Welt blasser Universalismen" sei er - und jetzt kommts - "heimatlos". Die Universalismen müssten ins Eigene übersetzt werden. Zwar sei auch das Eigene dem stetigen Wandel ausgesetzt, aber dieser Wandel dürfe sich "nicht zu dramatisch, zu schnell, zu abrupt vollziehen", der Mensch müsse ihm folgen könne. Er brauche ein "Grundgefühl der Sicherheit, dass ihm seine Welt nicht ganz abhanden" komme.

Nun wird man sich angesichts der dramatischen Veränderungen, die das 20. und beginnende 21. Jahrhundert für ihre Zeitgenossen bereit gehalten haben, über eine solche Formulierung wundern. Denn schneller und drastischer als in diesen mittlerweile fast 120 Jahren hat sich zuvor keine Gesellschaft geändert.

Angesichts dessen zu argumentieren, die Leute von heute dürften nicht zu abrupten Veränderungen ausgesetzt werden (vielleicht Moscheen? Flüchtlinge? bargeldloser Zahlungsverkehr?), ist absurd. Wenn dann müsste man eher ein Konsolidierungsargument einführen - jetzt sei es aber genug mit dem Wandel, jetzt erst mal Ruhe.

Aber diesen Gefallen tun sich gerade diejenigen, die ihn angeblich benötigen, selber nicht.

Schneller und drastischer als die heutige ist keine Gesellschaft zuvor von ihren Zeitgenossen selbst verändert worden. Denn es sind ja gerade die Bürger als Konsumenten, die den gesellschaftlichen Wandel derart drastisch vorantreiben. Der Skandal um die Abschaffung des Bargelds? Die kleinen Leute, die angeblich derart dagegen sind, schaffen es selbst ab. Die Entvölkerung ganzer Landesteile, die Verödung von Städten und Dörfern? Der Verlust von alten Gemeinschaftsinstitutionen wie der Dorfkneipe, dem Bäcker udn Fleischer vor Ort? Geht auf die Veränderung von Lebensgewohnheiten und Praktiken der Leute selbst zurück (wenn man so unpräzise sein darf).

Und auch die angeblich so bahnbrechenden Themen der letzten Monate, wo sind sie überhaupt Teil von drastischen und abrupten Veränderungen, die über das hinausgehen, was zuvor und parallel dazu geschieht? Der Skandal um die Zuwanderung und die Aufnahme von hunderttausenden Flüchtlingen - wo hat dieser Zustrom zu Verunsicherung und Angst geführt? Anders gefragt, wo hat er Lebenswandel und Gewohnheiten geändert? Die Islamisierung des Abendlandes? Wo findet die statt?

Die Rede von der Bewältigung von Veränderung hat mittlerweile weite Verbreitung gefunden. In der Wissenschaft nicht weniger als in der breiten Öffentlichkeit. Der Heimat-Begriff ist zum frei verfügbaren Schindluder verkommen, den jeder treibt, dem irgendwas nicht passt. Vielleicht wäre es hingegen hilfreich, wenn spätestens jetzt ein wenig Ruhe und Gelassenheit in die Sache käme, gerade in der intellektuellen Diskussion. Und wenn der Wandel einfach in Ruhe gelassen wird. Er ist eh nicht das Problem.
29. Februar 2016
Faule, inkompetente Studienanfänger?


Die Frankfurter Allgemeine brachte am 20./21.2. einen Beitrag des Theologieprofessors Bernd Beuscher über die angebliche Leseschwäche von Studienanfängern. Der Beitrag wurde zur Debatte gestellt, die FAZ vom 27./28.2. brachte eine Auswahl der Beiträge auf der Debattenseite. Auffallend an der Auswahl: Bis auf eine Ausnahme bestätigten die Beiträge das Attest Beuschers. Nur ein Nürnberger Kollege (der in Sachen Leseschwäche zustimmte) gab Weiterbildungsbedarf bei den Lehrenden zu bedenken.

Statt dessen wird der Druck, der auf den Studierenden lastet, beklagt, die Jugend der Studierenden wird als Grund herangezogen. Ein Bielefelder Kollege moniert, dass die Qualität des Scheiterns nicht gewürdigt werde. Ein Hannoveraner Hochschullehrer macht mal wieder die Studienreform für den Mangel verantwortlich, ein anderer aus Bremerhaven eine fatale Fokussierung auf Noten. Eine Beiträgerin fragt danach, ob denn die ganzen Abiturienten auf die Hochschule gehörten. Ganz im Gegenteil, es gebe eben nicht so viele Begabte, wie gedacht, wie ein anderer Beiträger meint. Die Gymnasien kämen ihrem Bildungsauftrag nicht nach, notgedrungen, so zwei weitere Stimmen, eine Bestnotenflut verdecke nur die mangelnde Kompetenz der sog. Fachleute, die da herangezogen würden. Und überhaupt, so zum Schluss das Beste, wollten die jungen Leute heute Karriere machen, ohne eigenen Beitrag.

Nun wird man Abiturienten nicht nachsagen wollen, dass sie keins dieser Defizite haben, die ihnen Beuscher nachgesagt hat. Aber zum einen unterscheiden sie sich darin nicht durchgängig von ihren Vorgängern, und zum anderen lenkt ein solcher Generalvorwurf nur davon ab, dass sich Lehrende auf ihre Studierenden nicht einzustellen verstehen.

Wer einem durchschnittlichen Absolventen des Abiturjahrgangs 1976/77 attestieren wollte, dass er in all den angesprochenen Kompetenzen deutlich besser abgeschnitten habe als seine Nachfolger vierzig Jahre später, leidet wohl vor allem unter Vergesslichkeit. Dass sich die Generationen notgedrungen voneinander unterscheiden, bleibt davon unberührt.

So bleibt immer noch die Frage unbeantwortet, weshalb ein Hochschullehrer in die nie endende Klage über die mangelnden Kompetenzen von Studienanfängern einstimmt, aber keinen Gedanken daran verschwendet, dass die Kompetenzen, deren Fehlen er beklagt, ja gerade das Ausbildungsziel der Hochschulen sein sollten. Hinzu kommt, dass dieser Mangel einer ganzen Studentengeneration nachgesagt wird, ohne dass zwischen den verschiedenen Gruppen unter ihnen, die sich auch nach Zielen und Interessen bilden lassen, unterschieden wird. Hinzu kommt die Frage, was Hochschulen und Hochschullehrer tun müssen, um sich auf die zweifelsfrei neuen Bedingungen, unter denen auch ihre Studierenden arbeiten müssen, einzustellen. Das wäre vielleicht zielführender.

20. Februar 2016
Fortgesetztes professorales Lamento


Bernd Beuscher lehrt Praktische Theologie an der Evangelischen Fachhochschule Bochum. In der FAZ vom 20./21.2.2016 veröffentlichte er eine Klage über den abhanden gekommenen Mut, die fehlende Neugier und Abenteuerlust heutiger Studenten. Bernd Beuscher ist Jahrgang 1958, gehört also zu der universitären Jahrgangskohorte, die jetzt auf dem Gipfel ihrer Karriere steht und ihren Abschied bereits vorbereitet. Er attestiert heutigen Studierenden Leseschwäche und Wissenswut, sie setzten schnelle Verstehbarkeit, mithin hohe Verständlichkeit aller Texte und Sachverhalte voraus, dabei seien sie mutlos und desinteressiert. Sie schwängen die moralische Keule, wo es nur darum gehe, einen Termin zu vereinbaren – vor der Realität der Wissenschaft aber hätten sie offenbar Angst.

Was für andere Studenten seien das früher gewesen! Sie hätten sich dem Wagnis von Theorie und Unverständlichkeit ausgesetzt, seien gerade dahin gegangen, wo es bitter und böse werde (und als einigermaßen belesenem Literaturwissenschaftler - die wir ja nur die jüngeren Brüder der Theologen sind - fällt einem gleich die Wendung von der „Mama Realität“ ein, an deren Busen sich zu drücken ein hinreichend bekannter Autor seinerzeit der deutschen Literatur empfahl).

Nun war es auch mit den Studierenden Jahrgang 58ff nicht immer nur zum Besten bestellt. Sie habe studiert oder eben auch nicht, was ja nicht zuletzt zu einigen rigiden Maßnahmen in den 1990ern geführt hat und einer der Gründe für „Bologna“ ist. Die meisten haben ihr Examen mit Ach und Krach geschafft, was an den Noten freilich nicht immer abzulesen ist. Sie waren pragmatisch und angepasst zumeist und haben genau das gemacht, was sie mussten, um ihre Scheine und ihren Abschluss zu bekommen. Ein paar haben an der Uni Karriere gemacht, aber die waren immer schon anders als der Rest. Und wenn man sich an die Tiraden eines Essener Alt-Kollegen in den 1980ern bis 1990ern über die faulen und dummen Studenten erinnerte, müsste man sich fragen, was sich eigentlich geändert hat.

Auf beiden Seiten des Podiums – die Lehrenden beklagen die Studenten, die Studenten schaun immer noch, dass sie durchkommen – und manche von ihnen wollen auch noch die Seite wechseln. Weil sie ihr Fach wirklich interessiert, weil sie sich in Themen und Aufgaben festbeißen und weil sie von dem Job fasziniert sind, der immer noch eine hohe Reputation genießt. Warum auch immer.

Keine Frage, Lehre und Studierende machen Mühe, und was man da auch macht, es gelingt nicht immer. Studierende scheinen nicht nur Spaß am Studium zu haben und sie machen auch selten die Veranstaltungen zu den Ihren – welcher Hochschullehrer das hinnehmen würde, wär eine weitere Frage. Aber grundsätzlich ist der Grund, weshalb Leute am Anfang des Studiums vor allem dasitzen und schaun, dass sie keine Ahnung haben, was da passiert. Der Job des Hochschullehrers besteht im Übrigen darin, ihnen die Möglichkeit zu geben und mit ihnen die Kompetenzen zu erarbeiten, dass sich das hinreichend ändert.

Hochschulen sind keine "Arenen für den Kampf um die Erkenntnis im Blick auf Fragen, die das Leben stellt"? Wer einen solchen Unsinn glaubt, hat noch keine Hochschule von innen gesehen. Warum schreibt Beuscher also so etwas?

Studierende sind keine "Mitstreiter", sie waren es nie. Sie sind zu coachen, auszubilden, zu korrigieren und mit ihnen ist zu diskutieren. Die akademische Gesprächsfähigkeit müssen sie erst erlernen. Und von wem?

Seminararbeiten dienen nicht dazu, „systematisch zu berichten, wie es geschmeckt hat und wie es bekommen ist“, was sich die intelligenten Studierenden denn da aus dem kulinarisch-intellektuellen Angebot des Professors herausgepickt haben. Das schriftliche Verfassen von Hausarbeiten ist ein zentraler Bestandteil der Ausbildung an der Universität, wahrscheinlich sogar der zentrale. Wer das nicht verstanden hat, dem ist jeder Student unpassend, der vor allem wissen und verstehen will. Und was ist daran neuerdings falsch?

Und Hochschullehrer? Vielleicht haben sie in der heutigen Zeit am meisten zu lernen.
14. Februar 2016
Rückkehr des heroischen Manns?


Die Ereignisse Silvester in Köln haben fatale Folgen und amüsante, eine amüsante (wenngleich schwerwiegende) ist, dass nunmehr wieder die Rückkehr des heroischen Manns gefordert wird, der sich für seine Frau schlägt. Anlass ist der Hinweis darauf, dass selbst Frauen in männlicher Begleitung Silvester nicht vor Belästigungen sicher gewesen seien. Die Verwunderung soll, wenn die Berichte stimmen, erstmals von russischen Journalistinnen geäußert worden sein, so zu lesen in einem ZEIT-Artikel von Adam Soboczynski (28.1.2016) oder in der FAS vom 14.2.2016.

Nun ist es in einer zivilisierten Gesellschaft aus gutem Grund verpönt bis strafbar, sich mit wem auch immer zu schlagen, was für Männer wie für Frauen gilt. Das gilt auch für jenes Muster, das Soboczynski ironisch zusammengefasst als Patriarchat beschrieben hat, in der der Mann selbstverständlich in den Krieg gezogen sei und dem Nachbar eins aufs Maul gehaun habe, wenn der sich an seiner Gattin vergriffen habe, und selbstverständlich sei es bei beidem immer aufs Leben gegangen.

Freilich ist dieses Patriarchat, das eine historische Funktion gehabt haben mag, wie seinerzeit noch Uwe Wesel einzuräumen bereit war, untrennbar verbunden mit Macht, Herrschaft und Gewalt von Männern über Frauen. Soll heißen, Männer haben eben nicht nur ihre Nachbarn verdroschen, sondern eben auch ihre Frauen bis hin zur Vergewaltigung in der Ehe, was beides heute strafbar ist (und auch das aus gutem Grund).

Wenn man also Männer will, die ihre Frauen verteidigen, weil sie ihre Frauen sind, dann muss man vielleicht auch so etwas wie ein Patriarchat hinnehmen – nur will das eben keiner, und auch das aus gutem Grund.

Was eben aber auch nicht heißt, dass nicht jemand für die Frauen hätte Partei ergreifen sollen, die offenbar in einer männlichen Menschenmenge Übergriffen ausgesetzt waren. Dazu aber zweierlei:

Zum einen heißt es in Berichten über die fragliche Nacht, dass die Polizei, die sich dieser Männermenge gegenüber gesehen habe, diese nicht habe bewältigen können. Man wird also eine Situation annehmen müssen, in der es gegebenenfalls als männlicher und weiblicher Passant sinnvoll gewesen ist, das Weite zu suchen. Nicht einmal dafür ausgebildete und legitimierte Fachkräfte waren anscheinend in der Lage, die Situation schnell und angemessen zu bereinigen und Unschuldige dabei zu beschützen.

Zum anderen bleibt die Frage, ob jemand in den jeweils konkreten Situationen den Frauen, die belästigt wurden, hätte helfen sollen und können. Zweifelsfrei ist das zu bejahen. Und zugleich ist zu betonen, dass solche Zivilcourage nichts mit Männlichkeit zu tun hat, sondern damit, dass man in solchen Situationen helfen soll und muss, egal ob man männlich oder weiblich ist. Und schließlich, dass das nichts damit zu tun hat, obs die eigene Frau oder nicht ist, sondern damit, dass jemand Hilfe braucht.

Wie ebenso einzuräumen ist, dass jemand mit einer solchen Zivilcourage ein großes Risiko gegangen wäre. Wer also in einer solchen Situation aus Angst nicht hilft, ist gleichfalls nicht zu verurteilen (auch wenn es sowas wie unterlassene Hilfeleistung als strafrelevante Kategorie gibt). Das muss er oder sie mit sich selbst ausmachen. Feigheit ist ein schlimmes Stigma, aber manchmal die einzige Option.

Bleibt noch ein letztes: Sind die zivilen westlichen Gesellschaften schwach, weil sie nicht mehr patriarchalisch sind? Nicht notwendig und nicht aus diesem Grund.

Die geschlossenen und sich heroisch gebenden Gesellschaften, die sich eben auch oft genug noch als patriarchalisch gaben, sind aus gutem Grund untergegangen. Weil sie unflexibel waren und Anforderungen nicht erfüllen konnten, die in einer modernen Gesellschaft aber notwendig erfüllt werden müssen, um sie funktionsfähig zu machen. Heroische Männer stehen da im Weg, aber nicht Männer und Frauen, die für andere einstehen, die in Not sind.

Was aber nicht notwendig hilfreich sein muss: Ob in der direkten Konfrontation zwischen zivilen Gesellschaften und patriarchalischen die patriarchalischen, die man zugleich als militaristisch verstehen muss, die Oberhand gewinnen, ist eine alte Frage, die bereits zwischen 1939 und 1945 zur Debatte stand. Ohne dabei über die westlichen Gesellschaften (und die Sowjetunion) allzu große Zivil-Hymnen anzustimmen, ist es zweifelsfrei eben auch der Fall, dass sie den Krieg für sich entschieden haben – mit allen auch gesellschaftlichen und kulturellen Kosten, die das für diese Gesellschaften nach sich zog. Aus diesem historischen Fall lässt sich zwar keine Garantie ableiten, aber immerhin so etwas wie ein Argument.

27. Dezember 2015
Persönliche Krimi-Hitliste 2015


Unbedingter Spitzenreiter:

einzlkind: Billy. Roman. Insel Verlag, Berlin 2015.

Die dicht darauf Folgenden:


Pete Dexter: Unter Brüdern. Übersetzt von Götz Pommer. Liebeskind, München 2015.
Jörg Juretzka: Platinblondes Dynamit. Pendragon, Bielefeld 2012.
Jörg Juretzka: Taxibar. Kriminalroman. Berlin, Rotbuch 2014
Michael Robotham: Um Leben und Tod. Thriller. Deutsch von Kristian Lutze. Goldmann, München 2015.
Wu Ming: 54. Roman. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold. Berlin: Assoziation A 2015.
Dennis Lehane: The Drop / Bargeld. Roman. Aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs. Diogenes, Zürich 2014
Zoran Drvenkar: Still. Thriller. Eder & Bach, Berlin 2014.
Lee Child: Wespennest. Ein Jack-Reacher-Roman. Aus dem Englischen von Wulf Bergner. Blanvalet, München 2014
Friedrich Ani: Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck. Roman. Suhrkamp, Berlin 2015.
Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück. Ein Fall für Jesse Stone. Übersetzt von Bernd Gockel. Pendragon, Bielefeld 2015.
Robert B. Parker: Mord im Showbiz. Ein Fall für Jesse Stone. Übersetzt von Bernd Gockel. Pendragon, Bielefeld 2015.
Dominique Manotti: Abpfiff. Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Argument, Hamburg 2015.

Ein bisschen Theorie und Forschung:

Studien zum wahren deutschen Gesellschaftsroman. Der „Tatort“-Krimi am Sonntag-Abend hat sich im Wochenkalender der Deutschen festgesetzt. Nun zieht das fast fünfzig Jahre alte Format auch das geballte Interesse der Wissenschaft auf sich. Rezension zu: Christian Hißnauer, Stefan Scherer, Claudia Stockinger: Föderalismus in Serie. Die Einheit der ARD-Reihe „Tatort“ im historischen Verlauf. Unter Mitarbeit von Björn Lorenz. Wilhelm Fink, Paderborn 2014. Christian Hißnauer, Stefan Scherer, Claudia Stockinger (Hrsg.): Zwischen Serie und Werk. Fernseh- und Gesellschaftsgeschichte im „Tatort“. Transcript, Bielefeld 2014. Julika Griem, Sebastian Scholz (Hrsg.): Tatort Stadt. Mediale Topographien eines Fernsehklassikers. Campus, Frankfurt, New York 2010. Auf: literaturkritik.de


Vor dem Gesetz. Literaturkritik und Wissenschaft im Prüfstand. Neue Studien zum Krimigenre. Rezension zu: Nele Hoffmann: A Taste for Crime. Zur Wertung von Kriminalliteratur in Literaturkritik und Wissenschaft. Blumenkamp, Salzhemmendorf 2012. 333 Seiten. Gerald Sommer, Robert Walter (Hrsg.): Doderer, das Kriminelle und der literarische Kriminalroman. Zu Heimito von Doderers „Ein Mord den jeder begeht.“ Königshausen & Neumann, Würzburg 2011. 653 Seiten. Anna Häusler, Jan Henschen (Hrsg.): Topos Tatort. Fiktionen des Realen. Transcript, Bielefeld 2011. Zu finden auf: literaturkritik.de

Besprechungen zu den Krimis sind erschienen auf literatukritik.de und fixpoetry.de
30. Sepember 2015
Einwanderung in der aufgeklärten Gesellschaft


Der Berliner Historiker Jörg Baberowski wird als beeindruckender und engagierter Wissenschaftler charakterisiert, dem seine fachliche Reputation egal ist, solange er intellektuell überzeugend sei. In einem Essay für die FAZ vom 14. September 2015 kritisiert er, dass Moral für eine Einwanderungspolitik kein Maß stellen könne. Diese müsse stattdessen zwischen Einwanderung und Asyl unterscheiden - wenn also Deutschland ein Einwanderungsland werden solle, dann müsse das auch so strukturiert werden. Politisch und gesellschaftlich verhängnisvoll sei es aber, einfach alles ins Land zu lassen, was unter den gegebenen Umständen ins Land wolle.
Auf die "dunkle Seite der ungesteuerten Einwanderung" werde - so Baberowski schwelgend - "der Mantel des Schweigens geworfen".

Grundsätzlich hat Baberowski recht, wenn er von der Politik gerade auch in Sachen Einwanderung und Asyl klare Entscheidungen und Ziele fordert, die mit dem Auftrag ihrer Wähler übereinstimmen.

Zugleich torpediert Baberowski dies jedoch, wenn er gegen die Einwanderung einwendet, dass die "Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit" den "Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht" unterbreche. Der Kitt, der die Gesellschaft früher zusammengehalten habe, sei "Gemeinsam Erlebtes, Gelesene und Gesehenes". Davon sei wenig übrig geblieben, außer - verkürzt gesagt - "höfliche Nichtbeachtung".
Das gehe normalerweise gut, was aber geschehe in der Krise? Was halte die Gesellschaft dann zusammen?

Das gemeinsam Erlebte, Gelesene, Gesehene?

Nun wird man schon große Zweifel haben können, ob jeder beliebige Nachbar derselben Erlebnis-, Lese- und Sichtgemeinschaft angehört als man selbst. Von den Differenzen zwischen Jungen und Alten, Ost- und Westdeutschen, Nord- und Süddeutschen, Rheinländern und Westfalen etc. ganz abgesehen. Wenn an die Stelle eines Verfassungspatriotismus, den seinerzeit Jürgen Habermas vorgeschlagen hat, auf einmal wieder Gemeinschaften treten sollen, dann ist die Entscheidung - auch für die Krise - recht einfach. Gesellschaft statt Gemeinschaft. Lieber eine funktionierende und akzeptable Verfassung als eine Gemeinschaft mit Leuten, mit denen es wenig Gemeinsamkeiten gibt, auch wenn sie dies behaupten. Solche Intimitäten sollte man sich lieber für seine engsten Freunde und Partner vorbehalten und sie nicht zum Instrument der Einwanderungspolitik machen.
7. August 2015
Normaler Rassismus? Oder alles abräumen?


Lalon Sander bemängelt in einem Kommentar der Berliner "tageszeitung", dass der Thienemann Verlag zwar Michael Endes "Jim Knopf" zwar auf neue Rechtschreibung umgestellt habe, aber nicht auf das neue Niveau nicht-rassistischer Terminologie. Nun ist es zweifellos so, dass Begriffe wie "Neger" oder schlechte Scherze über Chinesen heute nicht mehr als angemessen betrachtet werden - zurecht. Und es bleibt auch immer zu fragen, ob man einen historischen Text - das Buch erschien erstmalig vor 55 Jahren - seinen Kindern heute zumuten will, wenn er sich strukturell, sachlich und sprachlich nicht auf unserem Niveau bewegt. Aber allein diese Forderung ist zweischneidig.

Unabhängig davon argumentiert Lalon Sander ein wenig kurzatmig. Auch wenn Ende zugestanden werde, er habe das Buch gegen den kaum vergangenen Faschismus gerichtet (immerhin 15 Jahre nach dessen Ende), moniert Sanderzugleich, dass er für ein weißes Publikum auf der Basis von dessen Denkmustern geschrieben habe. Dazu rechnet Sander zum Beispiel, dass die Identifizierung von schwarz und dreckig ein tief sitzendes rassistisches Motiv ist. Sander übersieht dabei jedoch, dass der schmutzige Lukas damit gerade die Diffamierung des Schwarzen unterläuft. Jims Bemerkung, Waschen erübrige sich, weil man den Dreck auf der schwrazen Haut ja nicht sehe, bedient rassistisches Denken auch nur vordergründig, sondern gehört zu den changierenden Momenten des kleinen Buches, in dem Toleranz vor allem dadurch hergestellt wird, dass Unterschiede ausgehalten werden. In diesem Kontext darf auch ein dunkelhäutiges Kind seinen anarchischen Wünschen folgen, ohne minderwertig zu werden.  Das Argument schlägt nämlich - wie die Langhaarigen der 1970er wissen - gern schon mal zur falschen Seite aus: Die Matte ist ja ok, solange sie sauber und gekämmt ist? Auch das Gegenteil muss man aushalten können.
25. Juli 2015
Normativität der Narration


Ein Serienformat wie Pippi Langstrumpf gehört wohl heute zum gemeinsamen Erinnerungsfonds mehrerer Generationen. Das Format erscheint allerdings heute entschieden veraltet - vor allem im Vergleich zu der großen Gruppe von Kinderbüchern, die als Sozialisationshilfen eingesetzt werden. Im Vergleich dazu ist Pippi Langstrumpf nicht nur von sympathischer Unbeholfenheit, was Inszenierung und Performance angeht. Zugleich ist es sein anarchischer Zug, der das Format so entschieden von heutigen Kinderbüchern und anderen Medien, die speziell für diese Gruppe entwickelt und produziert werden.

Das wohl erfolgreichste unter ihnen sind die Pixi-Bücher und verwandte Formate, nicht zuletzt, weil sie leicht zugänglich sind, preislich allgemein verfügbar und zudem in zahlreichen Varianten zur Verfügung stehen. Neben dem eigentlichen Pixi-Format, das mittlerweile mehr als vierzig Jahre alt ist, gibt es zahlreiche Nachahmer.

Eine der erfolgreichsten Reihen, die unter dem Pixi-Label erscheinen, sind sicherlich die Geschichten um Conny. Die Conny-Reihe ist so angelegt, dass sie Kinder von etwa zwei Jahren bis ins frühe Schulalter begleitet. Conny ist in den Jahren, in denen die Reihge existiert, mit gealtert, was es erlaubt, sie für Kinder in einer mittlerweile fünf bis sieben Jahre langen Spanne einzusetzen. Das ist als Markt enorm, zugleich ist der Bedarf an Medien, die die Sozialisation von Kindern in diesen Lebensjahren begleiten, anscheinend recht hoch.

Die spezifische Eigenschaft, die den Conny-Büchern zugeschrieben werden kann, ist aber, dass sie für beide zentrale Gruppen, die an der Sozialisation beteiligt sind, ausgelegt sind. Mit anderen Worten, sie zeigen nicht nur den Kindern, wie was in einer Gesellschaft funktioniert. Sie unterstützen nicht nur die Eltern darin, wünschenswerte Verhaltensmuster zu implementieren. Sie zeigen auch den Eltern, wie welche Ereignisse mit Kindern zu gestalten sind und wie welche Themen abzuhandeln sind.

Eltern und Kinder lernen mit Conny, wie der erste Kindergartentag anzugehen ist und was an ihm geschehen wird, sie lernen, wie ein Geburtstag zu feiern ist und wie man damit umgeht, dass einen jemand Fremdes anspricht.

Auf diese Weise ist ein mittlerweile fast flächendeckendes Sozialisationsprogramm entwickelt worden, in dem nicht abweichendes Verhalten und die Selbstbestimmung des Subjektes im Vordergrund steht, sondern sozial abgestimmtes und wünschenswertes Verhalten.

Aus diesem Grund geht Reihen wie Conny naheliegenderweise jeder Realismus ab. Realistische Elemente dienen nur dazu, die notwendige Minimalanbindung an den Alltag der Eltern wie Kindern zu sichern. Die Durchführung der Geschichten jedoch liest sich jedoch wie ein normativer Katalog zu erlernenden Handelns. Dagegen ist wahrscheinlich nicht einmal viel zu sagen, auch wenn es wenig plausibel ist, dass sich etwa Zweijährige der Syntax von Jugendlichen bedienen, wie in einem der Nachahmerformate zu finden ist. Oder wenn Mütter (die vor allem als Instanz zu finden sind) in nahezu jeder Situation lächeln und sogar unter Stress langmütig agieren. Bemerkenswert ist es allerdings doch - vor allem, weil es die Tendenz zu angepasstem und sozial unauffälligem Verhalten stützt, was einer Pippi Langstrumpf nicht nachzusagen ist.

7. Juli 2015
Legitimation weiblich?


In ihrer Besprechung zu Siri Hustvedts neuem Roman in der TAZ vom 6.7.2015 sieht die Rezensentin Katharina Granzin die Autorin spezifisch legitimiert, sich des Themas der vergessenen, verkannten Künstlerin anzunehmen, weil sie weiblich sei. Begründung: Keine, weil aus sich heraus verständlich? Oder biografisch, ist Hustvedt doch die Ehefrau Paul Austers, dessen Bekanntheitsgrad wenigstens in Deutschland wesentlich früher hoch war als der Hustvedts? Wahrscheinlich beides, was nicht für das Argument spricht.

Frage nur noch, ob die Story das Problem überhaupt trägt, berichtet die Rezensentin doch von einer Frau, die sich als Künstlerin (ganz 19. Jahrhundert) die Öffentlichkeit unter einer männlichen Persona leichter erschließen will. Was dann im Roman gelingt, solange bis einer der dafür genutzen realen Personen das Werk, das unter seinem Namen öffentlich wird, auch nachhaltig für sich reklamiert. Falsche Strategie wird man da meinen und ein Plädoyer eher dafür, den öffentlichen Raum besser direkt zu erschließen, wie mühsam das auch sein mag. Von vergessenen Künstlerinnen also eher keine Rede.
29. Mai 2015
Merkwürdige Beziehungen


Auf ihren Wissenschaftsseiten berichtet die FAZ vom 27.5.2015 von einer Studie, die eine Beziehung zwischen der Festigkeit des Händedrucks und dem Erkrankungs- und Todesrisiko herstellt. Demnach steigt das Risiko eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarkts in den kommenden vier Jahren um 7 resp. 9 Prozent. Die Autoiren der Studie sehen insbesondere einen Zusammenhang zwischen Festigkeit des Händedrucks und dem Zustand des Herz-Kreislauf-Systems.

Eine Erklärung haben die Autoren der Studie für diesen Zusammenhang nicht. Sie können auch nicht einschätzen, ob eine Kräftigung des Händedrucks eine Verbesserung des Herz-Kreislauf-Systems herbeiführt.

Stanislaw Lem hat bereits vor Jahrzehnten in einem seiner Romane den statistischen Zusammenhang der Nebelhäufigkeit um London  mit der Wanderungsbewegung von Leichen hergestellt (wenn ich das richtig erinnere, dringend nachschlagen). Die Breite von Hutkrempen hatte meiner Erinnerung nach auch eine Auswirkung auf dieses Verhältnis. Und in Freundeskreis wurde vor einigen Jahren über eine Studie diskutiert, die den Zusammenhang der Länge des Mittelfingers mit der Promiskuität von Männern herstellte.

Soll also heißen: Leute, achtet auf Euren Händedruck, seid vorsichtig bei Londoner Nebel und - an alle Ehefrauen gerichtet - schaut auf die Mittelfinger Eurer Männer.
16. April 2015
Ehre und Ehrlichkeit der Studenten


Unter diesem Titel veröffentlichte der Konstanzer Zoologe und Evolutionsbiologe Axel Meyer in der Frankfurter Allgemeinen vom 16.4.2015 eine Klage über die verlorene Moral der Studierenden heute.
Naheliegend setzt er die Praxis von Studierenden, die die formalen Rahmenbedingungen nutzen, um sich - das ist sein Beispiel - vor Klausuren zu drücken oder sie mit bestmöglichen Noten zu absolvieren (durch Betrug, indem ein KOmmilitone schreibt) in Kontrast mit seiner Studienzeit in den USA, in denen so etwas nicht üblich gewesen sei. Außerdem bemängelt er, dass sich Studierende anscheinend weigerten, das Lehrbuch anzuschaffen und zu benutzen, auf dessen Basis er seine Veranstaltungen abhalte und das für eine optimale Vorbereitung auf Klausuren durchzuarbeiten wäre. Auch das habe man früher anders gemacht. Man habe das Buch, das der Dozent angegeben habe, angeschafft und es studiert. Und man habe es als Andenken behalten. Außerdem werde an der Universität geklaut und eingebrochen.
Eine solche Praxis sei gerade an einer deutschen Elite-Universität (Konstanz!) überhaupt nicht nachvollziehbar.

Nun sind aber alle drei Themen nicht neu an Universitäten, und erst recht nicht das Produkt der jüngeren Vergangenheit. Und sicherlich ist nichts davon tolerierbar.
Auffallend ist jedoch, dass der an einer deutschen Elite-Universität lehrende Kollege sich keinen Gedanken darüber gemacht hat, dass Studierende jeder Generation im Schnitt Praktiken entwickeln, mit denen ihr Studienerfolg optimiert, der Einsatz dafür aber minimiert werden kann. Unter den Bedingungen der neueren Studiengänge und bei der Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Studierenden weg von der Universität hat sich dieses Phänomen vielleicht verstärkt. Aber es ist nicht neu entstanden.

Dass Meyer nun über etwas klagt, was auch in seiner Generation im wesentlichen bereits Praxis war - ihm aber gegebenenfalls aus seiner Perspektive nicht aufgefallen ist (soviel sei ihm zugestanden) - muss man ihm nicht vorwerfen (aber es reiht sich in die ewige Reihe der Studierendenklagen ein, die im deutschen Feuilleton seit den 1970er Jahren zu finden sind, man könnte eine Horst Albert Glaser-Gedächtnis-Reihe daraus machen, so sehr haben die Klagen Glasers über den Verfall der Studierendenkultur, die er in Die Zeit veröffentlichte, das Genre bestimmt.). Aber zu mehr führt das, als dass sich der Verfasser solcher Artikel hinerher noch mieser fühlt?

Vielleicht ist es sinnvoller, sich mit den Gründen für solche Extreme, die auf eine pragmatische Grundhaltung zurückgehen, zu beschäftigen und die Ergebnisse einer solchen Beschäftigung mit in die Studienplanung eingehen zu lassen.
3. März 2015
Die Lauen sind stärker als die Radikalen
Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" bewegt Slavoj Zizek zu einer radikalen Antwort


In der "Zeit" vom 15. Januar 2015 entwickelt Slavoj Zizek einen aufschlussreichen Gedanken: Die Aggressivität, mit der Fudamentalisten den hedonistischen Westen attackieren, lasse darauf schließen, dass sie keineswegs von ihrem überlegenen Status überzeugt seien, sondern dass sie zutiefst vom Hedonismus berührt und fasziniert. Die Fundamentalisten hätten die Standards des Westens längst verinnerlicht. Ein Hinweis darauf ist, dass die Inszenierung der Hinrichtungen, wie es an anderer Stelle jüngst hieß, nach den Standards des amerikanischen Erzählkinos inszeniert worden seien.
Zizeks Überlegung, dass der Radikale, der von seiner Überlegenheit überzeugt ist, die Differenz zum Anderen zweifelsfrei aushalte, ist vielleicht auch nur eine romantische Idee, aber sie ist dennoch plausibel enug, um damit arbeiten zu können. Allerdings bliebe zu bedenken, dass die Reinheit der Überzeugung eh nur in den seltensten Fällen so groß ist, dass daneben nichts mehr Bestand hat. Kritischer ist jedoch seine Abwertung des hedonistischen Westens zu sehen. Dessen Leidensfähigkeit scheint nämlich größer zu sein als angenommen. Im historischen Rückblick sind es die offenen Gesellschaften, die das NS-Regime besiegt haben. Sowjetrussland brauchte für seinen Teil immerhin die wirtschaftliche und technische Unterstützung des Westens. Und bei allen Anfeindungen, die die offenen Gesellschaften (die sich kulturell eben als Genussgesellschaften etablieren) erlebt haben - sie haben sie alle überlebt. Mindestens aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke. Und es ist noch lange nicht gesagt, dass die moderaten und an sich selbst zweifelnden Gesellschaften nicht die stärkeren sind. Nietzsches "letzter Mensch" hin oder her.
20. Dezember 2014
Krimi-Best-of 2014


Die Besten

Ein Spiel. Andre Georgi hat in „Tribunal“ schlimme Zeiten und schlimme Leute im Visier. Rezension zu: André Georgi: Tribunal. Thriller. Suhrkamp, Berlin 2014. (literaturkritik.de)

Schöne neue Krimiwelt: Tom Hillenbrands „Drohnenland“ ist unerhört plausibel, macht es aber schwierig, Vertrauen in die Neue Datenwelt zu fassen. Rezension zu: Tom Hillenbrand: Drohnenland. Kriminalroman. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2014. (fixpoetry.de)

Die kaum weniger Guten

Eine Übung in Sachen Balance. Dennis Lehane hat „Mystic River“ zu verantworten und zeigt auch mit „In der Nacht“, was er kann. Zu berichten ist von einem Lesevergnügen. Rezension zu: Dennis Lehane: In der Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sky Nonhoff. Diogenes, Zürich 2013. (fixpoetry.de)

Was ist das Ausrauben eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Ross Thomas schreibt in “Fette Beute“ darüber, welches Geld im Kapitalismus für erfinderische Kriminelle zu machen wäre. Rezension zu: Ross Thomas: Fette Ernte. Aus dem Amerikanischen und mit einer Nachbemerkung von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, Berlin 2014. (fixpoetry.de)

Ein Meisterwerk. Jim Nisbets „Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein Muster für eine geschickte Dramaturgie und erzählerische Ökonomie. Man muss nicht alles erzählen. Rezension zu: Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf. Pulp master, Berlin 2014 (fixpoetry.de)

Eine Studie in Recht. Ferdinand von Schirachs lakonische Schreibweise kommt auch in seinem neuesten Krimi bestens zur Geltung. „Tabu“ ist ein literarisches und intellektuelles Vergnügen. Rezension zu: Ferdinand von Schirach: Tabu. Roman. Piper, München/Zürich 2013. März 2014 (fixpoetry.de)

Patchwork des Begehrens. Daniel Woodrell schreibt mit „In Almas Augen“ erneut ein verwunderliches Stück Literatur. Rezension zu: Daniel Woodrell: In Almas Augen. Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2014. April 2014 (fixpoetry.de)

Sühne und Schuld. Rache muss kalt genossen werden und braucht Geduld. Robert Wilson Zeit eine solche Geduldübung. Rezension zu: Robert Wilson: Stirb für mich. Thriller. Deutsch von Kristian Lutze. Page&Turner / Wilhelm Goldmann, München 2013. (literaturkritik.de)

Berliner Schießen. Ulrich Ritzel hat einen rasanten Politthriller geschrieben, in dem alles verarbeitet ist, was einen unterhaltsamen Krimi auszeichnet. Rezension zu: Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr. Roman. Btb, München 2013. (literaturkritik.de)

Gefährliche Literatur. Dominique Manotti steigt erneut in die Abgründe der linksradikalen Geschichte. Rezension zu: Dominque Manotti: Ausbruch. Aus dem Französischen von Andrea Stephani. Argument, Hamburg 2014. (literaturkritik.de)

Deutsche Interessen. Oliver Bottini hat sich in eine gute Thriller-Tradition gestellt. „Ein paar Tage Licht“ beweist es erneut. Rezension zu: Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht. Kriminalroman. Dumont, Köln 2014. (literaturkritik.de)

Russlandkrimi. Martin Cruz Smith ist ein guter Name im Russlandkrimi seit „Gorki Park“, „Tajana“ bestätigt das. Rezension zu: Martin Cruz Smith: Tatjana. Ein Arkadi-Renko-Roman. Deutsch von Susanne Aeckerle. C. Bertelsmann, München 2013. (fixpoetry.de)

Smart World. Die Diskussion um die erneuerbaren Energien und das Smart Grid sind notwendig. Dass das Risiko der neuen Energiewelt aber nicht in den steigenden Kosten steckt, sondern der Zerbrechlichkeit des Systems, hat der Österreicher Marc Elsberg in einem halsbrechirischen Polit- und Wissenschaftsthriller vorgeführt. Dennoch gibt es kein Zurück. Rezension zu: Marc Elsberg: Blackout. Morgen ist es zu spät. Roman. Blanvalet, München 2013. (fixpoetrx.de)

True Crime

Der Mensch, der schießt. Die Gerichtsreportagen Paul Schlesingers, der sich Sling nannte, sind in einer neuen Sammlung erschienen. Lesen! Rezension zu: Sling (Paul Schlesinger): Der Mensch, der schießt. Berichte aus dem Gerichtssaal. Mit einem Nachwort von Hans Holzhaider herausgegeben von Axel von Ernst. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2013. (literaturkritik.de)

Über das Böse. Helmut Kury fragt öffentlich nach dem Bösen. Aber gibt es das überhaupt? Rezension zu: Helmut Kury: Im Gehirn des Bösen. Die spektakulärsten Fälle eines Gerichtsgutachters. Pier, München 2014 (literaturkritik.de)
13. September 2014
Wer will schon erleben?

Nach Authentizität und echtem Erleben schreit, wem immer danach zumute ist, aber wer will das wirklich? In der TAZ vom 23./24. August beklagt der britische Ökonom Umair Haque den Aktivismus vor allem in den sozialen Netzen. Das ist richtig, wer sich da überall angemessen tummeln will, muss entweder sonst nichts zu tun haben (etwa nichts zum Beispiel) oder jemanden dafü bezahlen, dass er sich für ihn tummelt. Allerdings, die Klage darüber ist ungefähr so alt wie die Heimatkunst oder wie Goethes "Werther". Um das Wahre, Schöne, Gute wirklich erleben zu können, müsste man sich, folgt man solchen Lehren, eigentlich aus allem herausziehen. Werther-mäßig. Und wem danach ist, wem sollte mans verdenken. Aber die Schelte ist dann eben doch ein wenig abgeschmackt. Ungefähr so wie das Lob des russischen Mannes, das vor einiger Zeit in der FAZ zu lesen war und dem man eben die härteren Bedingungen, unter denen er lebt, ansieht. Erleben heißt demnach echtes Leiden, und wenn man dem aus dem Weg gehen kann, ist man wohl klüger als andere oder hat mehr Glück.  Und ums noch zu vertiefen: Worauf kommt es denn wirklich an? Jede amerikanische Hollywood-Klamotte hat dafür die Antwort parat. Und dafür braucht man nun wirklich keinen Ökonomen, nicht einmal einen britischen. Hedonismus ist eine merkwrdige Sache, vieles daran gefällt den anderen nicht. Aber eine Gesellschaft, die den Genuss durch Erleben und dann auch Leiden ersetzt, möchte ich nicht haben.
9. April 2014
Wiederkehrende Klage

Die Frankfurter Allgemeine öffnet ihre Seiten immer wieder Autorinnen und Autoren aus den Universitäten, die kurz und knapp aus dem Alltag ihrer Institution berichten. Unter den publizierten Artikeln finden sich zahlreiche Perlen - und zahlreiche Unsäglichkeiten, die vor allem von einem zeugen, der Unlust der Lehrenden an der Lehre.

Hannah Bethke lehrt Politologie an der Universität Greifswald und beklagt in der FAZ vom 26. März 2014 die mangelnde Rechtschreibkompetenz ihrer Studierenden.

Erneut also geht es um die mangelnde Kompetenz von Studierenden, die allem Anschein nach ohne ausreichende Qualifikation von der Schule auf die Hochschule losgelassen werden. In diesem (Bethke-) Fall ist es mal wieder die Rechtschreibschwäche der Studierenden: das Unwissen, wann ein i und wann ein ie steht, die holprige Kommasetzung, der falsche Konjunktiv, die Unsicherheit, wie Fremd- und Fachworte geschrieben werden, kreative Groß- und Klein-, Zusammen- und Getrenntschreibung, korrupte Sätze, die keinen Sinn ergeben. Es ist natürlich alles dabei, was das Herz begehrt.

Ob denn an den Schulen denn keine Diktate mehr geschrieben würden? (In der Oberstufe wohl nicht.) Und wieso man mit solchen Mängeln das Abitur bekommt, wenns eigentlich nicht einmal für den Hauptschulabschluss reiche.

Ursachen benennt Frau Bethke eine ganze Reihe: Die Rechtschreibreform ist natürlich dabei, die Nivellierung der Schulen und Hochschulen, die Scheu, die Lernenden zu korrigieren und anzuleiten, auch die fehlende Lektüre von  Büchern. Das zu erwartende Resultat? Kein Untergang des Abendlandes, sondern die Verdummung der Gesellschaft.

Nun ist dazu vielerlei zu sagen, darunter eben auch, dass Frau Prof. Bethke wahrscheinlich recht hat, aber das eben kein Unterschied zu früher ist. Zum einen gab es die Diskussionen über die kreative Rechtschreibung bereits in den 1970ern (der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er schreibt), zum anderen hat auch die Klage um den Niveauverlust bereits eine längere Tradition. Bis weit in die 1990er Jahre (so zumindest die oft trügerische Erinnerung) war der Fackelträger dieser Tradition ein Essener Literaturwissenschaftler namens Horst Albert Glaser, der als Plattform dafür die ehrwürdige "Zeit" nutzen durfte. Mit ein wenig Mühe würden sich sicher auch für ihn noch Vorgänger finden.

Nun ist gegen Anleitung, ja sogar gegen Frontalunterricht, in denen ja das Heil zu finden ist, wenig zu sagen. Das können probate Mittel sein. Und vielleicht besteht das Problem darin, dass nunmal eher diejenigen Professoren werden, die nun gerade mit Rechtschreibung keine Probleme hatten, während sie eben nicht zuletzt auf Studierende treffen, die niemals auch nur ansatzweise zu Professoren werden. Vielleicht reichts auch zum tauglichen Sachbearbeiter oder einem anderen Beruf, der einen nährt und in dem es nicht so viel zu schreiben gibt.

Bleibt nur zu fragen, weshalb die Klage? Und warum veröffentlicht die FAZ so etwas?
31. Januar 2014
Familienglück, Mädchenpech

Die FAZ druckt in der Ausgabe vom 31.1.2014 einen Beitrag eines Doktoranden der Ludwig-Maximilians-Universität München ab, in dem es um die neueren Veränderungen von Rollenzuschreibungen pubertierender Mädchen unter dem Einfluss von social media geht. Titel des Beitrag: "Mal zotig, mal vulgär: Die Selbstsexualisierung unter Mädchen".

Zutreffend wird skizziert, dass Mädchen in dieser Altersgruppe intensive Nutzer der social media sind und sich dabei anscheinend stark sexualisierter Rollenvorbilder bedienen. Zumindest das Vokabular, das verwendet wird (Bitch, Chika etc.) deutet darauf hin. Auffallend ist, dass als Referenz solcher Rollenbilder keine Vorbilder aus der Populärkultur herangezogen werden, sondern lediglich Ursachenforschung in der Sozialisierung betrieben wird.

Angenommen wird, dass die Selbstsozialisierung der Mädchen in der Altersgruppe Ursache dieser Entwicklung sei. Dahinter stehe zum einen die gestörte Eltern-Kind-Beziehung (Scheidung, Streit zwischen den Eltern) und zum anderen die professionalle Betreuungsintensität, also vor allem Ganztagsschulen. O-Ton: "In der Ganztagsschule wird Anpassug zur sozialen Notwendigkeit." Außerdem wird die Sexualerziehung als Grund benannt, die Sexual- und Verhütungspraktiken, aber nicht die Freuden der Elternschaft lehre.

Dagegen wird die "Geborgenheit" in der Eltern-Kind-Beziehung gesetzt. Fehle diese komme es zu Ersatzleistungen, bei denen es um intensive Nähe gehe, was den Einsatz von Sexualmustern erkläre. Außerdem gehe Scham als Regulierungshaltung verloren.

Davon abgesehen, dass die Funktion von Scham ein wenig unreflektiert eingesetzt wird, ist die Gesamtargumentation verblüffend, zumal sie erneut die 68er und Folgen dafür heranzieht, dass es zu dieser Entwicklung gekommen sei.

Lassen wir die Extreme der Sexualerziehung der 68er beiseite, die sich gesamtgesellschaftlich nicht durchgesetzt haben, ist diese konstatierte Entwicklung weder auf die Sozialisierung außerhalb der Familie noch auf die Scheidungsraten von Eltern zurückzuführen. Um nicht zu sagen, das ist 1. Unsinn und ist 2. eine Entwicklung die sehr viel älter ist. Dem germanistischen Kollegen (der der Verfasser des FAZ Artikels ist) seien da die expressionistischen Dramen eines Hasenclever oder Bronnen nahegelegt.

Darüber hinaus ist es keineswegs schlüssig, die familiäre Sozialisation gegen die in der Altersgruppe zu positionieren resp. und vice versa: Zu einer einigermaßen gelungenen Sozialisation gehört eben auch, die eigene Identität gegen die Eltern und andere abzugrenzen. Und es gehört auch die Orientierung an den Altersgenossen dazu. Dass dafür Rollenvorbilder der Alterskohorte herangezogen werden - was ist daran neu? Und was verblüfft daran? Und was hat das mit social media zu tun, die lediglich die Kommunikation in der Altersgruppe verstärken, aber keine neuen Motive einführen.

Kann und soll heißen: alles kein Argument, das diese Entwicklung hinreichend abgrenzen kann.

Dagegen steht zudem der Eindruck, dass der Beitrag der erneute Versuch ist, ein Denk- und Verhaltensmuster zu reetablieren, das in den Zeiten entfesselter Subjektivität und vielfach gebrochener Beziehungen nicht passt. Und vor allem, das die Gefahren, die in der Selbstsozialisierung mit solchen Rollenbildern wohl unstreitbar enthalten sind, nicht eingrenzen wird. Und was soll man davon halten, dass die Konventional-Familie wieder als Allheilmittel für alles herhalten soll, was gesellschaftlich vielleicht fehl geht. Als hätte man damit keine Erfahrungen. Und wüsste nicht, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, oder eben sehr viel.
15. Januar 2014
Skandal, schludrig gemacht.

"Die Zeit" hat in ihrer Silvester-Ausgabe eine scharfe Attacke gegen den Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp gefahren. Der war der Fälschung einer Schrift Galileo Galileis aufgesessen. Unter anderem wird Bredekamp Arroganz vorgeworfen. Nun sei er blamiert. Die Thesen, die er zum Zusammenhang von intellektueller Wahrnehung und visueller Erfassung formuliert hatte, werden zur Disposition gestellt, die Methoden der Forschung werden insgesamt in Frage gestellt. Schweres Geschütz - allerdings hat der Verfasser des "Zeit"-Artikels seinen Text weitgehend auf einer Reportage des "New Yorker" aufgebaut und sie heftig dafür geplündert. Guter Journalismus ist das nicht und kein Ruhmesblatt der ehrwürdigen "Zeit".

Mehr dazu in der Januar-Ausgabe von www.literaturkritik.de.
3. Januar 2014
Krimihitliste 2013

(in order of appearance)

Walter Mosley: Bis dass der Tod uns scheidet
James Sallis: Driver 2
Tapani Bagge: Das Begräbnis des Paten
Deon Meyer: Sieben Tage
Mike Nicol: Killer Country
Andrea Maria Schenkel: Finsterau
Hans-Ludwig Kröber: Mord
Daniel Suarez: Kill Decision
Olen Steinhauer: Die Spinne
Dominique Manotti: Zügellos
Don Winslow: Manhattan
Walter Moseley: Mahattan Fever
Adrian McKinty: Das katholische Bulle
Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes
Friedrich Ani: M
Robert B. Parker: Miese Geschäfte

Spitzenreiter, unangefochten: Jerome Charyn mit Unter dem Auge Gottes
30. Oktober 2013
Ideologie als Forschung?

Katharina Schmitz berichtet in der FAZ vom heutigen Tag (auf den Wissenschaftsseiten) von einem Vortrag der Magdeburger/Stendaler Gender-Forscherin Maureen Maisha Eggers. Thema des Vortrags: "Progressive Kinderliteratur: Emanzipation nur für weiße Kinder."  Thema waren anscheinend Kinderbücher und die Spuren rassistischer oder chauvinistischer Ideologie, die in ihnne zu finden sind. Die Diskussion mäandert seit einiger Zeit durch die Medien. Und es wird schon dazu geführt haben, dass eine Reihe von Büchern aus den Regalen der Kinderzimmer heraussortiert wurden.

Hauptreferenzen waren in diesem Fall anscheinend Lindgrens "Pippi Langstrumpf" und Janusz Korczaks "Kleiner König Macius". Eie eine eine erklärte Kämpferin gegen Rassisumus, der andere, so berichtet Frau Schmitz, im deutschen KZ als Jude ermordet.

Der Bericht zeugt von zweierlei und ist bemerkenswert:

Zum einen steigt der Genervtheitsgrad bei den Ergebnissen der Gender-Studies offensichtlich. Das mag bei einem konservativen Medium wie der FAZ nicht wundern. Aber da sich selbst aggressivere Thesen der Gender-Studies im politischen Prozess festsetzten und die FAZ selbst (auch im Feuilleton) daran partizipiert, scheint sich hier so etwas wie eine Grundsatzdebatte anzukündigen.

Zum anderen scheint in der Tat die Gelassenheit beim Umgang mit historischen Texten, selbst der nicht konservativen Kinderliteratur, mehr und mehr zu schwinden, eben auch in der Wissenschaft. Wissenschaft positioniert sich mehr und mehr als moralische Instanz, die einschließt oder ausschließt. Selbst Korczak und Lindgren wären demnach auszuschießen aus einem Kanon lesenswerter, mithin nicht zu beanstandender Texte.

Ideologiekritik wird damit selbst zur Ideologie, was sie aber weiß.

Das ist insofern schade, als damit eine angemessene Anlayse historischer Texte ebenso unterbunden wird wie deren Lektüre. Mit anderen Worten wird ein Generalverdikt über Texte ausgesprochen, weil sie aus einer historischen, zweifelsfrei rassisistischen und chauvinistischen Kultur stammen.

Die Konsequenz wäre, dass wir beginnen, die historischen Texte so umzuschreiben, dass sie den heutigen Anforderungen entsprechen. Dazu wäre sicherlich eine Kommission zu bilden, die die Vorgaben formulert und mithilfe eines angemessenen Apparats auch deren Umsetzung kontrolliert.

Es kann aber sein, dass Frau Schmitz einfach übers Ziel hinausgeschossen ist. Ich war nicht dabei.
10. Oktober 2013
Lebensrettung


Wenn die gute Literatur nicht durch ihre früheren Leser zu retten ist (Kulturleute eben), dann vielleicht von Sozialtherapeuten. Die FAZ interviewte in ihrer Ausgabe vom 9. Oktober zwei Sozialpsychologen, die herausgefunden haben wollen, dass eine nur zehnminütige Lektüre von literarischen Klassikern die Empathie bei den Lesern, mithin ihr Vorstellungsvermögen, was in ihrem Gegenüber vorgehe, signifikant erhöht habe. Solche Effekte seien mit Unterhaltungs- oder Sachliteratur nicht zu erzielen. Sier vermuten den Grund darin, dass die "preisgekrönte" Literatur oden Leser in eine aktivere Rolle dränge, er müsse selbständiger agieren, die Charaktere seien weniger stereotyp und deren Innenleben werde dem Leser auf dem Tablett serviert. Leser müssten aktiv werden und würden selbst zu einer Art Autor. Was wir uns schon länger gedacht haben.

Schön auch, dass das Ganze eine Art Trainingseffekt haben mag, vermuten sie. Wer also mehr gute Literatur liest - Fontane, Goethe, Schillern -, dessen Einfühlungsvermögen müsse entsprechen nachhaltig gsteigert werden. Denn wie der Effekt nach einiger Zeit nach einmaliger Lektüre nahlasse, so seir er auch durch anhaltende und wiederholte Lektüre zu verlängern.

Das ist interessant.Frage auch, ob der Effekt bei Brecht-Lektüren gleichfalls zu erzielen ist, oder bei der Lektüre von Klassikern der Avantgarde, die es mit Psychologie nicht so sehr haben. Lukacs könnte am Ende vielleicht doch recht mit seiner Favorisierung des Realismus des 19. Jahrhundert haben. Er wird auf diese Weise als therapeutisches Mittel einsetzbar. Leute lest mehr gute Literatur, und ihr werdet einander besser nachempfinden können. Und lasst das moderne Zeug.

21. Juli 2013
Neue Knappheit


Ich erinnere mich daran, dass vor Jahren mein Doktorvater vor einem seiner Kollegen klagte, dass man auf zwanzig Seiten wohl kaum einen Gedanken angemessen entwickeln könne. Das ist lange her und war in Essen, und dennoch hat er in dieser Hinsicht bis heute recht. Ein Gedanke muss entwickelt werden und dazu braucht es Platz. Freilich, die Literaturwissenschaft ist über diese Erkenntnis ebenso hinweggegangen wie über die diversen erkenntnisleitenden Paradigmen der vergangenen Jahrzehnte – teilweise zu ihren Gunsten, teilweise zu ihrem Nachteil.

Statt also des entwickelten Gedankens finden sich heute bevorzugt knappe Skizzen und vor allem vollgestopfte Anmerkungsteile. Der Literaturwissenschaftler und die Literaturwissenschaftlerin von heute – wenn ich das extrapolieren darf - wagen es anscheinend kaum noch, eine Bemerkung zu machen, ohne sogleich nachzuweisen, woher sie sie denn nun wieder haben oder haben könnten. Und er resp. sie spricht kein Thema an, ohne zugleich eine Liste der einschlägigen Titel mitzuliefern, die sich in den vergangenen Jahren zu diesem Thema ausgelassen haben.

Nun gab es das auch schon früher. In Hans Peter Duerrs Klassiker Traumzeit (1978) war der Textanteil der Fußnoten umfassender als der Haupttext (161 zu 184 Druckseiten, Schriftgröße und Vorlauf einmal ignoriert). Aber was in diesen Fußnoten los war, sucht bis heute seinesgleichen. Hier fanden sich die Diskussionen wieder, die im Hauptteil keinen Platz fanden, hier wurden Abzweigungen gelegt und Überlegungen gewagt, die es auch noch wert gewesen waren, niedergeschrieben zu werden. Das waren merkwürdige Zeiten, diese siebziger Jahre.

Nun aber heutzutage nicht minder merkwürdig: Denn wer sich in den Fußnoten möglichst breit zu machen versteht, muss sich im Haupttext dann auf knappen Raum beschränken. Zehn Seiten in einem Sammelband sind teuer, wenn der Druckkostenzuschuss sich nach Bögen bemisst. Also muss jeder Gedanke – wie groß er auch sein mag - auf zehn Seiten abzüglich Apparat entwickelt sein.
10. Juli 2011
Moralmoderne?


In der FAZ von Dienstag, 10. Mai 2011, berichtete Julia Voss über eine Ausstellung der Kunsthalle Karlsruhe, in der sie eine fragwürdige, weil moralisch untolerierbare Moderne gehuldigt sah. Stein des Anstoßes: Gemälde von Erich Heckel, Otto Müller und Ernst Ludwig Kirchner, auf denen nackte halbwüchsige Mädchen zu sehen sind.  Das Argument steht im ersten Satz: "Würden Sie den Malern dieser Bilder ihre elfjährige Tochter zu einem Badeausflug anvertrauen?" Wenn nein, dann gehörten diese Maler auch nicht als Protagonisten der Moderne gefeiert.
Belegt wird das Argument mit dem Verweis auf ein halbwüchsiges Modell vieler Maler der Dresdner Brücke-Vereinigung mit dem Namen Fränzi, die zur "Lolita einer Männer-Boheme" gezwungen worden sei. Was geschehe, wenn man die Lebenswelt der Modernen ausblende, zeige ihre Geschichte: Man wird annehmen, dass damit das ganze Programm zwischen Missbrauch und Selbstherrlichkeit gemeint ist, zu denen auch die Protagonisten der Moderne fähig waren.
Allerdings ist Voss' Argument fatal, denn auch wenn die Kunst der Moderne und gerade der Avantgarde die Durchdringung von Leben und Kunst propagierte, ist der Status dieser Kunst als Exempel von Moderne nicht von der moralisch einwandfreien Lebensführung abhängig. Wer dies versucht, betreibt die Moralisierung der Kunst, was sich möglicherweise als Rest der alten Gleichung erklären lässt, dass die gute Kunst die moderne Kunst ist und die moderne Kunst politisch, moralisch und ethisch vorrangig.
Eine Kunstgeschichte muss es mit anderen Worten aushalten, dass ihre Exempel nicht moralisch einwandfrei gehandelt haben.
Das wiederum bedeutet nicht, dass es sich nicht lohnte, die lebensweltlichen Bedingungen für die Moderne anzuschaun, gerade weil es darum geht zuerfahren, wie die Moderne entstanden ist. Allerdings nicht mit dem Auftrag, dabei kräftig auszusieben.
25. April 2011
Podestschleimer - Ernst Jünger-Verehrung als Niedergang der Tagungsberichterstattung

Dass Ernst Jünger zu den eher beachteten Autoren im FAZ Feuilleton gehört, ist kein Geheimnis. Und das Feuilleton darf ja eh machen was es will. Mit Ausnahme von Peinlichkeiten. Die aber kommen auch in renommierten Tageszeitungen vor, konservativ oder nicht.

Die jüngste Peinlichkeit: Ein Konferenzbericht von Martin Thoemmes (FAZ 21.4.2011) zu einer Ernst Jünger Tagung, die vom "Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger" veranstaltet wurde. Nun muss man von Freundeskreisen nicht erwarten, dass sie allzu kritisch mit ihren Heroen umgehen. Aber die Tagung war hochrangig genug besetzt, um eine allzu schrankenlose Bewunderung zu vermeiden (allerdings, dass Kiesel Jünger zum Helden stilisiert haben soll, kann nur ein Scherz sein, das sollte sich der Kollege nicht nachsagen lassen).

Nur, wer  nicht dabei war, muss sich auf den Bericht verlassen. Und der ist kein Ruhmesblatt in der Tagungsberichterstattung der FAZ (um nicht zu sagen: eine der Peinlichkeiten, die eben vorkommen): manieriert in der Sprache, distanzlos in der Haltung, intellektuell verstiegen und offensichtlich darauf aus, aus dem interessanten, wirkungsvollen und auch umstrittenen Autor Jünger einen Säulenheiligen zu machen. Arno Brekers Jünger-Büste als Illustration passt dazu bestens.

Dazu nur zwei Punkte:

1. Das Bild von Jünger als Kriegstreiber muss nicht korrigiert werden, wie Überschrift und Schlusssatz des Berichts unterstellen. Wer Jüngers Arbeiten kennt, weiß, was er vom Krieg gehalten hat: Er war fasziniert, er hat ihn für eine essentiellen Moment gehalten und für den Moment, in dem die zivilisatorischen Hüllen fallen. Das hat mit Kriegstreiberei nichts zu tun.

2. "Wer schreibt, verfasst stets ein Stück innerer Autobiographie." Es gibt Sätze, die hören sich gut an, sind aber Blödsinn - und das ist einer. Nochmals, das Feuilleton darf tun und lassen, was es will, aber es sollte Grenzen der methodischen und damit intellektuellen Redlichkeit geben. Literarische Texte sind nicht autobiografisch, und was eine "innere Autobiographie" sein soll, weiß nur Herr Thoemmes selbst, nehme ich an. Autor und Text ein bisschen sauberer voneinander zu trennen wäre doch schon einmal ein erster Ansatz, oder?

5. Januar 2011
Krimihitliste 2010 (in order of appearance)

Don Winslow: Frankie Machine (Suhrkamp)
Jim Nisbet: Dunkler Gefährte (Pulp Master)
Angelo Petrella: Nazi Paradise (Pulp Master)
Max Allan Collins: Der letzte Quarry (Rotbuch)
Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto (Piper)
Roger Smith: Blutiges Erwachen (Klett-Cotta/Tropen)
Jean Amila: Die Abreibung (Conte krimi)
Ole Steinhauer: Der Tourist (Heyne)
Adrian McKinty: Der sichere Tod (Suhrkamp)
Dominique Manotti: Letzte Schicht (Argument)
Richard Price: Cash (S. Fischer)
Malla Nunn: Ein schöner Ort zu sterben (Rütten&Loenning)
Christopher Cook: Robbers (Heyne)
Jenny Siler: Verschärftes Gehör (Fischer TB)
Don Winslow: Tage der Toten (Suhrkamp)

Die Spitzenreiter: Don Winslow: Tage der Toten und Richard Price: Cash
1. Januar 2011
Ordnung stiften

Eine schöne Aufgabe, zeitweise mindestens. Gutes Gelingen dabei!
Das Motiv wurde nach eine Fotografie des Kölner Fotografen AUgust Kreyenkamp (1875-1950) vom Hamburger Grafiker Jörg Weusthoff gestaltet.

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4. Dezember 2010
Radikal als Eigenwert

Slavoj Zizek hat in Le monde diplomatique (November 2010) einen Aufruf zur Radikalität veröffentlicht, in dem  er unter anderem die Gewalt betont, die der staatliche Apparat durch seine Existenz ausübt. Dagegen sei Gegenwehr notwendig und legitim.
Das mag man akzeptieren, freilich ist diese Verbindung von staatlichen Institutionen und Gewalt nicht frei von mystifizierenden Elementen. Wie auch deren Gegenteil, von dem Zizek merkwürdig unscharf spricht.
In der Tat mag eine Linke derzeit nicht wissen was zu tun ist, aber zu wissen, dass gehandelt werden muss, will sie sich nicht unkontrollierbaren Gewalten unterwerfen. Aber daraus Radikalität abzuleiten, statt Genauigkeit, ist für eine Gesellschaft insgesamt zu wenig. Wer sich darauf einlässt, geht ein Risiko ein, das nicht nur ihn selbst betrifft, sondern die Gesellschaft insgesamt. Und nichts für ungut: die Zähmung des Kapitalismus mag angsichts des Reichs der Freiheit ungenügend erscheinen, und wird auch schwierig genug sein. Aber trotzdem, es gibt kein Jenseits der Gesellschaft, und wer sie insgesamt zur Disposition stellt, weil sie eben einem absoluten Maß nicht entsprechen kann, der handelt blind und (ja ok, wenig spanndend) verantwortungslos, weil nicht auf eigene Kosten.
Das spricht nicht gegen die Kritik und gegen Gegenwehr, aber Lacan ist meines Erachtens ein schlechter Ratgeber, was die Entwicklung und Veränderung von Gesellschaft angeht.
11. Oktober 2010
Das Böse in der Literatur

Karl Heinz Bohrer Band "Imaginationen des Bösen. Zur Begründung einer ästhetischen Kategorie" (München, Wien 2004) ist, zu seinen Lasten, zusammengestellt aus Aufsätzen und Buchauzügen, denen man leider anschaut, woher sie kommen und wie mühsam sie sich beim gemeinsamen Thema tun: das Böse, der Schrecken, das Hässliche.

Aber seis drum, dennoch ist seine These aufschlussreich: Das Böse als ästhetische Kategorie ist keine Metapher, kein Symbol, sondern selbstreferentiell. Dem kann man folgen, muss man aber nicht, denn wie in der Bildenden Kunst mag zwar das Literarische interessanter sein als das Thematische, das Thema bleibt dennoch Ausgangspunkt auch des Interesses (nicht nur des Interessanten). Der außerliterarische Bezug bleibt erhalten, nicht zuletzt, damit der Text seine Erkennbarkeit behält.

Hinzu kommt noch, dass Bohrer zwar den ästhetischen Status des Bösen anhand der Positionen von Hegel und Schlegel diskutiert, aber deren gesellschaftliche Funktion nicht wahrnehmen will: Das Interessante ist unter anderem deshalb eine gesellschaftlich relevante Kategorie, weil es die Hierarchien der Bestimmungen unterläuft und suspendiert. Hegel weist sie ab, weil er an der Sistierung von Entwicklung interessiert ist, Schlegel folgt ihr, weil er den offenen Horizont des Interessanten sieht, der mit einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur nicht zu vereinbaren ist. Zumal dann nicht, wenn sie selbst wieder zur Disposition steht.

Aufschlussreich die enge Bindung des Ethischen mit dem Ästhetischen, die Bohrer bis in die Gegenwart sieht, gerade auch in der Diskussion von Moderne und Postmoderne.

Inakzeptabel hingegen ist seine Fokussierung auf die Literatur, auf die es ankomme. Wenns hier um Diskurshoheit geht - die ist geschenkt.
26. September 2010
Re-Moralisierung der Kunstkritik?

In der FAZ vom 24.9. bespricht Swantje Kranich zwei Ausstellungen des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. In der einen werden die Bestände der Fotografie-Sammlung gezeigt, die andere widmet sich dem Verhältnis von Fotografie und Mode in den 1990ern.

Erstaunlich an dem Text ist seine Fixierung auf die angeblichen oder tatsächlichen pornografischen Exempel der Bestands-Ausstellung, auf Arbeiten von Jock Sturges und Nobuyoshi Araki. Der erstere mit Fotografien von nackten, teils erotisch posierenden Mädchen an der Schwelle zur Pubertät, der andere mit Bondage-Inszenierungen. Pornografie ist das Etikett.

Keine Frage, beide Motivarsenale sind sexuell, vielleicht sogar pornografisch ausgezeichnet. Karich reagiert offensichtlich darauf mit Abscheu ("schwer erträglich" im Falle Sturges', lediglich "interessant" im Falle Arakis). Das kann man verstehen (und wer als Intention solcher Fotos die Präsentation natürlicher Schönheit und Zerbrechlichkeit annimmt, nimmt nur eine andere Umleitung, auch wenns der Fotograf selbst anbietet) - aber merkwürdiger Weise soll das ein Argument der Kritik sein?

Der Kurator der Bestands-Ausstellung habe, so Karich, passiv reagiert und auf die kritische Kompetenz seiner Besucher verwiesen (was ja auch nur e i n e Möglichkeit ist, mit dem Genre umzugehen). Karich hält das anscheinend für falsch - diese Haltung und die Fokussierung der Ausstellung. Karich plädiert statt dessen für eine andere Ausrichtung, etwa auf realistische Fotografien aus dem Alltag Neapels, wie sie Tobias Tielony vorgelegt habe.

Interessant daran, ist verschiedenes
- dass soziale Fotografie gegen Aktfotografie aufgestellt wird,
- dass die Motive oder Inszenierungen die Haltung der Kritik bestimmen
- dass die Provokation durch sexualisierte Motive immer noch funktioniert
- dass dabei die unentschiedene Haltung, die alles erlaubt, aufgegeben wird
- dass Kunst damit aus ihrem Rückzugsraum geholt wird, was ihr vielleicht auch gut tut
- dass die Rezeptionsstränge in zugelassene und unterdrückte differenziert werden.

Das lässt weit reichende Interpretationen zu, insbesondere was die Entwicklung der Wahrnehmungskultur angeht. Zweifelsohne wird mit der Neuordnung von Wahrnehmung zwar Verhalten auf den ersten Blick wieder leichter steuerbar, für die Gesellschaft wie für die Einzelnen. Zugleich werden mit der scharfen Trennung zwischen dem Zugelassenen und Ausgeschlossenen (resp. deren Neujustierung, denn keine Gesellschaft kann alles zulassen) die Probleme der geschlossenen Gesellschaft wieder auftauchen. Und sie werden nicht nur von den Rändern der Gesellschaft her initiiert werden, sondern aus ihr selbst heraus entstehen.

Moral ist ein wichtiger Leitfaden individuellen und gesellschaftlichen Handelns, sie ist aus dem politischen und auch kulturellen Leben nicht wegzudenken. Aber sie ist ebensowenig sistierbar wie alle anderen sozialen Phänomene.
26. Juli 2010
Theater-Helden der Moderne

In "Die Zeit" vom 8. Juli attackiert Peter Kümmel die heutige Inszenierungspraxis als oberflächlich und nichtssagend. Die Regisseure und Ensembles präsentierten Textmassen, keine Stücke, statt zu spielen, erzähle das Theater. das Kollektiv sei zudem an die Stelle der repräentativen Figur getreten. Grund sei wohl, dass die geellschaftlichen Umstände zu komplex geworden seien, als dass Individuen hier Gestaltungmacht zugewiesen werden könne.
Merkwürdiger Weise kritisiert Kümmel diese Praxis nicht dafür, dass sie langweilen oder dass sie keine Erkenntnis schaffen, sondern mit ihrer angeblich mangelnden "Tiefe". In jenem platonischen Zwischenreich zwischen Bewegung und Ruhe erst lebe das Theater wirklich. Erst indem das Theater Figuren erschaffe, könne es wirklich zu sich selbst kommen. Referenzen dieser Position: Platon, Goethe, Schiller, Andersen - und das Erzählkino. Der Mann, mit dem das alles begann: Max Reinhardt.
Kein Wort von Brecht, kein Wort von der sprachkritischen Position des Theaters heute, kein Wort von Performance.
Große Gefühle, große Figuren, große Heldinnen und Helden der Moderne, die bereits die Antike geschaffen hat (Medea, wer sonst, als Beispiel). So als ob seitdem nichts geschehen wäre und das Theater nur als "Große Gefühlsanstalt" Existenzberechtigung hat und eben nicht als Erkenntnis produzierende Institution, die auch noch unterhalten darf.
Wenn das Theater heute aber Kritik verdient oder wenigstens Korrektur, dann hierbei. Denn die vorbeiziehenden und teils beeindruckend inszenierten Texte sind eben manchmal eben nur noch langweilig, machen nicht einmal Spaß und provozieren eben keine Wahrnehmung oder Erkenntnis.
"Große Gefühle", "Große Augenblicke", Heldinnen und Helden - was sollen sie statt dessen? Erheben und zugleich Versenkung ermöglichen. Wenn das nicht peinlich ist.
16. März 2010
Demografischer Zynismus

In der FAZ von Montag, dem 15. März 2010 publizierte der Soziologe Gunnar Heinsohn einen Essay, in dem er einen radikalen Wandel in der Sozialpolitik anmahnte. Die Alimentierung der sozialen Unterschichten und insbesondere von Nachwuchs führe nur dazu, dass sich Armut reproduziere, aus dem einfachen Grund, dass Kinder für Arme Kapital seien. Kinder von Armen, deren Bildungsgrad zudem gering sei, würden jedoch in einen Reproduktionszyklus eingespeist, der wiederum Armut, geringen Bildungsgrad und Nachwuchs, zudem auch noch Kriminalität etc. fördere. Die Sozialpolitik führe auch dazu, dass nicht gebildete und leistungsstarke Einwanderer nach Deutschland kämen, sondern wiederum nur bildungsferne, arme und leistungsschwache Gruppen.
Die Alternative: Zeitliche Begrenzung der Alimentierung auf 5 Jahre wie in den USA, was dazu führe, dass die ärmeren Schichten Kinder nicht mehr als Kapital ansähen, da sie nach 5 Jahren zum Überlebensrisiko würden. In den USA sei das erfolgreich praktiziert worden - ein System, das im Übrigen der Linksliberale Bill Clinton eingeführt habe.
Freilich, so einfach radikal wird das Ganze nicht funktionieren, zumal Heinsohn seinen Essay perspektivisch stark zurichtet.
So betont er, dass gebildete und wohlhabende Schichten sich heutzutage auf ihr persönliches Fortkommen konzentrierten und die Reproduktion deshalb nachrangig werde. Das gelte für Männer wie Frauen.
Das ist soweit korrekt, allerdings koppelt er das von den Ursachen weitgehend ab, denn für die Fokussierung auf das eigene Leben ist nicht Wohlstand an sich verantwortlich, sondern die ungesicherten individuellen Perspektiven in der Wohlstandsgesellschaft. Das verschiebt die Realisierung von Kinderwünschen und anderes auf einen Zeit nach der Konsolidierung der Lebensperspektiven, die aber allzu oft nicht realisierbar ist. Prekarität der Lebensperspektiven ist freilich eine Konsequenz der Verflüchtigung aller gesellschaftlichen Institutionen und der Individualisierung von Lebensplanung. Vor- und Nachteil eben der individuellen Freiheit.
Das scheint Heinsohn akzeptieren zu wollen, denn als Ausweg sieht er nur die Zuwanderung von gebildeten etc. Allochthonen  bei Beschränkung der Reproduktion der ärmeren Sozialschichten.
Ist allein das schon von einer erstaunlichen zynischen Offenheit, vermeidet Heinsohn den Blick auf die Teile der sozialen Unterprivilegierten, die nicht auf die geänderte Alimentierung reagieren oder reagieren können und nach 5 Jahren aus dem Sozialraster fallen. Mit anderen Worte, er liefert diese Gruppen ihrem Schicksal aus, Sozialmüll, der sehen muss, wie er durchkommt?
Dass er nebenbei das Motiv gesellschaftlicher Verantwortung für Kriminalität als einen der Gründe nennt, die die Armutsreproduktion weiter anheize, stützt die merkwürdige Schlagseite seiner These und den radikalen Individualisierungeffekt, den sein Vorschlag nach sich ziehen würde.
Eine reine Alimentierung hat dabei möglicherweise die Konsequenzen, die Heinsohn vermerkt. Sie ist demnach auch keine realistische Alternative (was die Diskussion um garantierte Grundeinkommen die Basis entzieht). Außerdem degradiert die Alimentierung ihre Empfänger, sie macht eben auch würdelos.
Das Grundprinzip der rot-grünen und später der schwarz-roten Regierung, zu fördern und zu fordern scheint hingegen ein Ausweg aus dem Dilemma zu sein, das Heinsohn skizziert. Sie ist jedenfalls weder so zynisch, wie sein Vorschlag, noch so ignorant wie die Diskussion um den Hartz IV-Missbrauch.
Hinzu kommt, dass eine Gesellschaft, die in ihrem Grundverständnis Kinder zum Risiko macht und Eltern in der Versorgung von Kindern (Kindertagesstätten, Kindergärten etc.) und in ihrer Lebens- und Karriereplanung mehr oder weniger allein lässt, sich nicht wundern darf, dass Kinder eben ausbleiben. Kinder wie Menschen generell nicht zum Risiko, sondern zur Selbstveständlichkeit zu machen, bleibt hingegen eine Anforderung sozialer Verantwortung. Ein offener Posten.
16. Februar 2010
It's about what people need

Die FAZ von heute berichtet auf der Wirtschaftsseite und im Feuilleton über den Content-Anbieter "Demand Media", der auf der einen Seite wirtschaftlich erfolgreich ist (was die Wirtschaftsleute erfreut), auf der anderen Seite beklagt das Feuilleton, dass "Demand Media" das Netz mit Infoschrott zumülle. Außerdem würden die Zulieferer arg schlecht bezahlt.
Nun wird man solche Phänomene (Contentlieferanten, die sich dezidiert mit dem beschäftigen, was die Leute an Infos brauchen; die Sendung mit der Maus wirds freuen oder auch nicht) nicht wegdiskutieren können. Und gelegentlich ist es hilfreich, wenn man schnell rauskriegt, wie man die Klospülung wieder frei kriegt.
Auch greift das Argument nicht, dass - wer sich auf solche Infos und Medien verlasse - das Denken aufgebe (das möchte ich sehn, sobald das Klo verstopft ist).
Problematisch ist am Konzept von "Demand Media", dass Wissenschaft und deren Informationsbeschaffung von solchen Tendenzen bedroht sein können, nämlich dann, wenn man von ihr fordert, nur noch oder vorrangig das zu erschließen, was die Leute wollen. Niemand wird Wissenschaft von Notwendigkeiten freisprechen, spätestens aber die Ausstattung der Grundlagenforschung sollte davon ausgeklammert sein. Und zwar grundsätzlich - was insgesamt vielleicht unnötige Bemerkungen sind.
9. Februar 2010
Netznaivität

Der Medienwissenschaftler Jeff Jarvis hat im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen (FAZ 26.1.2009) hervorgehoben, dass das "Angebot an Inhalten im Netz" "sehr schnell" wachse: "Die Herausforderung besteht darin, die guten Inhalte zu finden. In aller Welt überbordender Inhalte verlagert sich die Wertschöpfung zu demjenigen, der die Nachrichten filtern, die guten Inhalte finden und in einen Kontext einordnen kann."
Dem Herrn ist zuzustimmen, bis auf einen Punkt, der eigentlich eine Frage ist: Wie kommt Jarvis auf die Idee, dass die mit den Inhalten im Netz auch die guten Inhalte wachsen? Ohne Prinzipien wie die Wikipedias überhaupt nur ansatzweise kritisieren zu wollen: Seit Jahren werden Projekte, die qualitativ hochwertige Inhalte systematisch und auf breiter Front aufarbeiten wollen, kurzgehalten, während die Contentmanager sich erfolgreich vermarkten können. Im Buchsektor war der Saur-Verlag über Jahrzehnte mit diesem Prinzip sehr erfolgreich. Und gegen Projekte wie das Gesamtverzeichnis ist nichts auszusetzen. Wenn denn nicht die wenigen zarten Ansätze etwa in der literaturwissenschaftlichen Lexikographie dahinter hätten zurückstehen müssen.
Es wird, was das angeht, ein Neuansatz nötig sein.
10. Januar 2010
Taugliche Krimis des Jahres 2009

Ross Thomas: Am Rand der Welt. Ein Artie-Wu-undQuincy-Durant-Fall. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Behrens, bearbeitet von Gisbert Haefs und Anja Franzen. Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. Alexander Verlag, Berlin 2008.

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz. Kriminalroman. Piper, München, Zürich 2008.

Zoran Drvenkar: Sorry. Thriller. Ullstein, Berlin 2009.

Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko. Rosie Winters erster Fall. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009.

Fred Vargas: Der verbotene Ort. Roman. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarz. Aufbau, Berlin 2009.

Jörg Juretzka: Alles total groovy hier. Kriminalroman. Rotbuch, Berlin 2009.

Alles selbst gelesen, alle besprochen bei www.literaturkritik.de, keine Rangfolge. Dieses Jahr wird sicher besser und vor allem mehr.

9. Januar 2010
Blochs Prinzip Hoffnung


Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung" ist ein anachronistischer Text, allerdings weniger wegen seiner Stillage (die ist Geschmacksache), sondern mehr wegen seines rettungslosen Optimismus. Das lässt sich bereits in den Absätzen zu Beginn erkennen:
"Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann gar nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag."
Allerdings sind Anachronismen gelegentlich hilfreich und angemessen.
1. Januar 2010
Turning an ascending stairs

Der Fotograf Eadweard Muybridge hat im Jahr 1887 gezeigt, was es heißt fortzuschreiten: Es ist eine langsame Bewegung, die möglicherweise, aber nicht notwendig nach oben führt.

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7. Dezember 2009
Diktatur des Proletariats?


Slavoj Žižek hat in "Auf verlorenem Posten" beredt eine neue "Diktatur des Proletariats" als notwendig begründet, dabei das Proletariat als Allgemeinheit ("wir alle") bestimmt und Diktatur als formale Möglichkeit, dass diese Allgemeinheit ihre Interessen gegen die Partikularnteressen durchsetzen kann.
Das steht gegen jenes Konzept, das von Kant bis Brecht erkennbar ist, dass nämlich aus der Verhandlung der Partikularinteressen das Allgemeininteresse entstehen kann und durchgesetzt wird. Dass Žižek den repräsentativen Demokratien wohl begründetes Misstrauen antgegen bringt, ist nachvollziehbar, allerdings ist das Konzept der "Diktatur des Proletariats" nicht grundlos von Stalin missverstanden worden, und einem Missbrauch ist ohne institutionelle Kontrolleure kaum gegenzusteuern.
Anders gewendet: Das "Proletariat" tut gut daran, sich selbst zu kontrollieren, sich einem ständigen Reflexionsprozess zu unterziehen, dabei aber zugleich immer wieder gegen die instutionellen Grenzen aufzubegehren. Die Perpetuierung der Unruhe als Prinzip ist hingegen nicht lebensfähig, es bedient die Einzelnen nicht, es bestätigt und belohnt sie nicht - und bei aller Faszination, die von kollektiven Prozessen ausgeht, diese handlungsökonomische Seite ignoriert Žižek merkwürdiger Weise.
Eine intellektuelle Havarie, die nur wirklich intelligenten Leuten widerfährt.
Slavoj Žižek: Auf verlorenem Posten. Aus dem Englischen von Frank Born. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009.
28. November 2009
Ich kann jeder sagen? Immerhin

Robert Menasses Erzählungenband "Ich kann jeder sagen": In die Hand nehmen, anlesen, wieder weglegen, weil es Freude macht, ihn wieder in die Hand zu nehmen und anzulesen. Anders als die dicken Bücher, die man nicht mehr weglegt, weil sie so fesselnd sind, ist das ein Buch, das begleiten kann, hierhin, dorthin, um einen Blick hineinzuwerfen, ein paar Zeilen zu lesen, die vor allem eines tun, erfreuen.
In jüngster Zeit tauchen Autorinnen und Autoren auf (längst bekannte), deren Erzählungen atemberaubend schön sind: Kehlmann, Hermann und nun auch Menasse. Das ist ein freudiges Ereignis.
15. November 2009
Blochnotizen

Thomas Assheuer hat am 5. November in der Zeit darauf verwiesen, dass Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" vor fünfzig Jahren erschienen ist. Das freut, auch wenn Assheuer konstatiert, dass wir heute so - wie Bloch - nicht mehr denken könnten, selbst wenn wir wollten. Aber Assheuer nimmt, nach langem Anlauf, schließlich doch die sich bereits in solchen Sätzen ankündigende Volte, wenn er im Schlussabsatz von der Freiheit spricht, die sein lassen könne, von der Klugheit einer Gesellschaft, die sich in ihrem Umgang mit der Natur zeige, und von einer gesellschaftlichen Konstitution, in der jeder Mensch das Recht habe, Rechte zu haben.
Bereits 2007 hat Ralf Becker bei Suhrkamp die Feuilletons herausgegeben, die Ernst Bloch in der Frankfurter Zeitung zwischen 1916 und 1934 publiziert hat. Eine Sammlung schöner Texte, die Becker (für einen Philosophen) unprätentiös einleitet. Um zwei Polen kreisten die Texte, bemerkt Becker, um das "Dunkle des gelebten Augenblicks" und um die "unkonstruierbare Frage", was denn der Mensch sei (unkonstruierbar sei sie, habe Bloch gemeint, weil sie jeder Theoriekonstruktion vorangehe). Das findet sich nicht zuletzt in solch unnachahmlichen Sentenzen wie "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst", die den "Spuren" vorangestellt sind. Dafür haben wir Bloch geliebt, und für seine intellektuellen Volten, die noch im kleinsten und unscheinbarsten Phänomen noch jenen Moment findet, der über die einigermaßen fade Alltäglichkeit der Existenz hinausweist. Der hohe Ton mindestens macht es möglich.
Gelegentlich also wieder einmal Bloch lesen.
Gerne.
Am Schluss aber doch ein bisschen Meckerei zu Beckers Ausgabe: Die bibiografischen Angaben zur Publikation in der Frankfurter Zeitung gehören zu den jeweiligen Texten nicht in den Anhang. Dass Becker in den Fußnoten mit a.a.O. auf frühere Belege verweist, mag zwar als eine Art ziviler Ungehorsam gegen das Diktat des Nützlichen an den Hochschulen gedacht sein (gegen die sich bereits Bloch verwandt habe, wie eines der Feuilletons kommentiert wird), freundlich ist das aber nicht. Was sich im Einzelnen zudem hinter der behutsamen Vereinheitlichung der Rechtschreibung verbirgt (nach dem Duden 1986), will man gar nicht wissen und hofft, diesmal auf die Klugheit Beckers. Die Normalisierung der Schreibweise von Fascismus, die zeittypisch ist, zu Faschismus ist aber kein gutes Beispiel.
8. November 2009
Der laxe Umgang mit dem geistigen Eigentum

Die TAZ berichtet am vergangenen Freitag darüber, dass seit einiger Zeit Autoren und Agenturen das Netz nach nichtlegalen Textübernahmen absuchen lassen. Eingesetzt werden dafür Programme wie Textguard oder Attributor.
Bemerkenswert ist, dass bei der Diskussion zwei Probleme verbunden werden, die aber erst einmal nichts miteinander zu tun haben: Textübernahmen, die nicht gekennzeichnet werden, und die Wiedergabe von Texten, ohne Autoren und Verlage gefragt zu haben.
Im ersten Fall ist die Sache klar: Wer Texte übernimmt und als seine ausgibt, die gar nicht von ihm sind, der verhält sich nicht korrekt. Geschieht dies in der Ausbildung oder bei Qualifikationsarbeiten, dann ist das nicht nur ein Täuschungsversuch, sondern auf mittlere Frist schadet sich der Delinquent selbst. Wer klaut, lernt klauen, nicht schreiben. Und alle Ergebnisse – Qualifikationen oder Einnahmen – gehören nicht ihm.
Im zweiten Fall steht dem das Recht der Autoren entgegen, den Publikationsort ihres Textes selbst bestimmen zu können. Dabei sollte es aber eigentlich dabei bleiben, dass eine nicht legitimierte Übernahme abgemahnt und dann abgestellt wird, denn ein Schaden entsteht in der Regel nicht. Wenn doch, dann eben mehr. Daraus eine Grundsatzangelegenheit zu machen, wie im Fall einer Eva Schweitzer, von der die TAZ berichtete, ist ein bisschen überzogen. Was soll der Erziehungszweck sein? Das Klima, das dabei entsteht, führt – wie geschehen - junge Wissenschaftler dazu, sich von den Rechteinhabern die Übernahme von Zitaten in wissenschaftliche Arbeiten genehmigen zu lassen, obwohl das vom Urheberrecht genehmigt ist.
Ein bisschen mehr Pragmatik und Augenmaß wäre also insgesamt ganz hilfreich. Und ein bisschen weniger Werbung für die Firmen, die Suchsoftware anbieten, gleichfalls.
3. November 2009
Der Tag, an dem Peter Sloterdijk eine Lanze für Al Capone brach


Ganz ehrlich, bricht einem nicht das Herz angesichts der neuesten Debatte um die mangelnde Freiheit in der bundesdeutschen Gesellschaft, die sich letztlich am Steuermonopol des Staates fest macht? Freiheit statt Steuern? Freie Bahn den Leistungsträgern? Seit wann hat Einkommen etwas mit Leistung zu tun?
Womit keinesfalls in die beliebte Management- und Mittelstandsschelte eingestimmt sein soll - es git eine Menge Leute, die sehr viel arbeiten und dafür sehr viel Geld bekommen, manchmal auch mehr als sie verdienen. Und es gibt eine Menge Leute, die sehr viel arbeiten und dafür nicht viel Geld bekommen.
Manchmal ist das gerecht, manchmal nicht. Leistungsträger einer Gesellschaft sind beide, am Steueraufkommen haben sie trotzdem unterschiedlichen Anteil. Aber seis drum.
Andererseits lässt sich eine bemerkenswerte Analogie herstellen zwischen Sloterdijk und Al Capone. Der Ahnherr sämtlicher krimineller Vereinigungen wurde seinerzeit bekanntlich nicht wegen Raubes. Mordes, Erpressung oder Schwarzbrennerei hinter Gitter gebracht, sondern wegen Steuerhinterziehung. Recht so. Ähnliches ließe sich über Sloterdijk sagen, der nicht über seine mittlerweile zahlreichen Bücher fällt, sondern sich selbst wegen einer peinlichen Freiheitsdebatte zu Fall bringt, die er daran aufhängt, dass er anscheinend zu einer größeren Steuerzahlung verdonnert worden ist (und vielleicht hatte er das Geld bereits ausgegeben? Jedem, der in die Freiberuflichkeit startet, wird geraten, für diesen Fall vorzusorgen). Was natürlich alles nur Spekulation ist.

1. November 2009

Aufschlussreiche Junktim während einer Krimi-Tagung: Im Vortrag einer Kollegin zum einen der aufreibende Versuch, einer Folge einer Serie, die wiederum in einzelne Reihen gegliedert ist, Werkcharakter zuzuweisen. Frage: Wie kann das zweifelhaft sein, es sei denn, der Kunstcharakter soll damit gleich mitverhandelt werden. Zum anderen werden Analysekriterien mit Wertungskriterien verbunden. Also Folgen, die mit anderen vernetzt werden, zudem komplexere Darstelllungsebenen aufweisen, werden als besser qualifiziert als andere.
Dagegen ist einzuwenden, dass die Bewertung von Literatur - wenn denn überhaupt - Aufgabe der Kritik ist. Deren Kriterien sind aber nicht feststehend, sondern variabel, da es keine Möglichkeit gibt, Kriterien zufallsfrei und belastbar zu sistieren. Aufgabe der Wissenschaft ist die Analyse des Phänomens, das heißt eben auch, nach den Funktionen von Merkmalen des Phänomens zu fragen. Und nicht sie zu beklagen oder zu kritisieren.